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Donnerstag, 17. März 2011

Bleibt Gaddafi?

Lässt der Westen wirklich zu, dass Gaddafi Libyen zurückerobert? Lassen wir es zu, dass unsere Regierungen nicht handeln?

Mittwoch, 16. März 2011

Wir arme 30-Jährige

Zufällig gerade über die Videoreihe von Spiegel Online gestolpert: "Die 30-Jährigen - eine Generation auf der Suche". So langsam reicht es mir mit diesen Beiträgen über die armen, armen 30-Jährigen meiner Generation, die wir behütet aufgewachsen sind, das Studium finanziert bekommen haben, uns entfalten und entwickeln konnten wie wir wollten - es aber eigentlich ungeheuer schwer haben. Und dann noch diese böse beschleunigte Welt mit all den verwirrenden Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dazu die Globalisierung, die uns Fabrikarbeitern im Geiste die Jobs wegnimmt. Es ist schon schwer, wenn man sich entscheiden muss, ob man Nachwuchs haben oder lieber erst noch eine Indienreise machen möchte. Ja, wir sind schon eine besonders gepeinigte Generation.

Dienstag, 15. März 2011

AKW-Populismus

Sieben deutsche Atomkraftwerke werden vorübergehend abgeschaltet. Was für politischer Populismus. Etwas sinnloseres habe ich noch nicht gehört. Auf einmal sind die AKWs nicht mehr sicher, oder wie? Wenn schon dann bitte, insofern versorgungstechnisch möglich, komlett und dauerhaft vom Netz nehmen, wie es mit Biblis A geschieht.

Sonntag, 13. März 2011

Japan

Das Ausmaß der Tsunami-Katastrophe von Japan macht sprachlos und der Höhepunkt dürfte noch nicht einmal erreicht sein. Vorgestern war von weniger als 100 Toten die Rede, jetzt bereits von 10.000. Alleine die Zahl der Einzeltragödien ist nicht zu erfassen. Ein Schiff mit 80 Passagieren: verschwunden. Ein ganzer Zug: verschwunden. 200-300 tote Kinder im Meer. Reaktorunfälle. Die Bewohner ganzer Städte werden panisch geflüchtet sein. Japan dürfte den Rest des Jahres in den Medien bleiben. Wie werden die Reporter der großen deutschen Häuser damit umgehen? Viele dürften schon ihre Koffer gepackt haben, etliche sind bereits da. Doch wie verschafft man sich überhaupt einen Überblick inmitten solch einer nationalen Katastrophe?

Spiegel-Bangkok-Korrespondent Thilo Thielke landete schon am Samstagnachmittag Ortszeit in Tokio - als die Reaktorhülle von Fukushima 1 explodierte.

Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo hat derweil den Druck des Blattes gestoppt, um noch einmal die Titelgeschichte zu ändern. Wann gab es das schon mal beim Spiegel?

Mittwoch, 9. März 2011

Migranten für die Medien: Journalismus-Ausbildung am Bildungswerk Kreuzberg

Am 30. November 2010 hat das Bildungswerk Kreuzberg (BWK) in Berlin den ersten Jahrgang der Bikulturellen Crossmedialen Fortbildung für Migranten in die Arbeitswelt entlassen. Projektleiter Uwe Schulte über neue Leserschaften, Konflikte im Unterricht und warum die Ausbildung schon wieder vor dem Aus steht.

(Dieses Interview erschien in stark gekürzter Fassung im Dezember 2010 in Medium Magazin).


Uwe SchulteHerr Schulte, wozu braucht es eine Journalistenschule für Menschen mit Migrationshintergrund?

Wenn die Demokratie Ernst genommen werden soll, müssen die Medien die Realität so wiedergeben, wie sie von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber nur rund eineinhalb Prozent der Journalisten.

Das mag sein, aber Menschen mit Migrationshintergrund können doch auch andere Journalistenschulen besuchen oder den Berufseinstieg über Praktika und Volontariate finden.

Wenn Sie diese Schulen fragen, sagen die, es bewerbe sich niemand entsprechendes bei ihnen. Vielleicht fehlt der Mut, aber wir müssen dann fragen, warum das so ist und ob das tatsächlich nur an den Bewerbern liegt.

Oder die Nachfrage ist nur politisch gewollt.

Für den aktuellen Jahrgang hatten wir 250 Bewerbungen.

Und wie interessiert sind die Verlage und Rundfunkhäuser?

Bei Axel Springer suchen sie gerade händeringend nach Journalisten mit türkischem Hintergrund, um die entsprechende Leserschaft zu erschließen. Die Nachfrage steigt. Je mehr Migranten nicht nur in Alibi-Funktionen im Fernsehen zu sehen sind, sondern substantielle Berichterstattung machen, desto mehr werden folgen.

Ist es nicht paradox, dass gerade Springer so sehr nach türkisch-stämmigen Journalisten sucht, obwohl die Bild-Zeitung, das prominenteste Blatt des Konzerns, gerne Titel schreibt wie: "Zu viele junge Ausländer sind kriminell" oder "Die bittere Wahrheit über Ausländer und Hartz IV"?

Ja. Herr Diekmann würde das allerdings anders sehen und sagen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Der erste Journalisten-Jahrgang am BWK ist gerade fertig. Wie ist ihr Fazit?

Eine unserer Absolventinnen, Marianna Mamonova, hat gerade den Kausa-Medienpreis in der Kategorie Hörfunk gewonnen. Eine andere Absolventin arbeitet zurzeit als Schlussredakteurin beim ZDF. Manche haben Angebote von Radiosendern oder TV-Produktionsfirmen oder für Volontariate. Wieder andere machen noch Praktika. Aber selbstverständlich sind auch einige ohne realistische Perspektive geblieben.

Im Schnitt klingt das nach einem guten Ergebnis.

Ja, aber wenn die Jobcenter uns nicht stärker entgegenkommen, wird es so keinen dritten Jahrgang geben.

Bitte?

Die Schule finanziert sich über den sogenannten Bildungsgutschein. Im aktuellen Jahrgang haben aber nur halb so viele Schüler wie im Jahr davor einen Gutschein bekommen.

Ist der nicht nur für unqualifizierte Arbeitslose?

Einen Bildungsgutschein können Sie auch bekommen, wenn Sie im Arbeitsleben stehen, aber von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Überall wo Bildungsbedarf notwendig erscheint, kann ein Gutschein vergeben werden.

Sie setzen bei Ihren Bewerbern Hochschulerfahrung voraus. Und diese Universitätsabsolventen müssen dann zum Jobcenter gehen und Arbeitslosengeld II samt Bildungsgutschein beantragen?

Ohne Hochschulbildung wird es schwer, journalistisch Fuß zu fassen. Insbesondere als Quereinsteiger. Allerdings ist der mit Abstand überwiegende Teil der Bewerber ohnehin als arbeitslos oder arbeitsuchend gemeldet. Den Gutschein kann man zudem auch ohne Arbeitslosengeld erhalten.

Fehlt ein alternatives Finanzierungskonzept?

Jetzt werfen Sie uns den Ball zu, aber wir haben die Ausbildung auf konkreten Hinweis der Arbeitsagentur und der Bundesbeauftragten für Migration, Maria Böhmer, gegründet. Wir glaubten dass uns Arbeitsagenturen und Jobcenter die nötigen Mittel zukommen lassen. Die politischen Entscheidungsträger sind aber nicht die Sachbearbeiter, die über jeden Gutschein entscheiden.

Kann man die Ausbildung nicht selber bezahlen?

Doch, sie kostet 12.000 Euro für 15 Monate.

Müssen Sie gute Bewerber ablehnen, weil diese den Bildungsgutschein nicht bekommen haben?

Ja, eine große Anzahl. Wir nehmen gute Bewerber im Zweifel zwar erstmal auf, aber viele brechen dann ab, weil die Situation prekär ist und sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können.

Wie viele Schüler sind im aktuellen Jahrgang?

Wir haben nach dem Assessmentverfahren 25 Bewerbern einen Platz angeboten, davon hatten acht einen Bildungsgutschein. Nun sind noch 16 dabei, zwölf sind finanziert. Ich kann diese Sachbearbeiter aber teilweise verstehen. Es ist schwer vermittelbar, jemandem, der schon einen oder mehrere Hochschulabschlüsse hat, einen teuren Bildungsgutschein hinterher zu werfen. Trotzdem, dass wir von 23 Schülern mit Gutschein im letzten Jahrgang auf zwölf runterbrechen, war nicht zu erwarten.

Und nun?

Der Kurs trägt sich so nicht mehr. Er ist für knapp 20 Leute konzipiert. Wir sind nach wie vor eine GmbH und können das nicht subventionieren.

Schmeißen Sie die vier ohne Gutschein raus?

Das bringe ich nicht übers Herz. Wir wenden uns jetzt an Stiftungen und hoffen, noch ein, zwei Kostenübernahmen zu bekommen.

Warum sagen Sie nicht, dass nur anfangen darf, wer bereits einen Gutschein hat?

Dann hätten wir mit der Ausbildung gar nicht starten können, weil noch so viele zu Beginn keinen Gutschein hatten.

Können Sie von der Migrationsbeauftragten Böhmer nicht mehr Mittel bekommen?

Sie hat kaum Mittel. Sie bräuchte dafür ein Budget. Das Bildungsministerium könnte auch etwas machen. Oder eine Co-Finanzierung durch die Europäische Union wäre eine Idee.

Sie sagten, Sie hätten die Ausbildung auf politischen Wunsch hin gegründet. Wie war das genau?

Die Idee kam von Maria Böhmer am Rande des Integrationsgipfels 2007. Auch Heinrich Alt, Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit und der emeritierte Journalistik-Professor von der Universität Dortmund, Ulrich Pätzold, haben dem zugestimmt. Pätzold leitet unsere Ausbildung nun inhaltlich. Böhmer war besorgt, dass es so wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gebe. Nihat Sorgeç, Geschäftsführer des Bildungswerks, der solche Ideen immer sehr schnell aufgreift, sagte, wir könnten am BWK eine Journalistenausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund aufbauen.

Sie bilden hier aber überwiegend Jugendliche mit Migrationshintergrund für Handwerksberufe aus.

Das war eine echte Zäsur. Wir hatten die Strukturen für eine solche Ausbildung für Akademiker nicht. Also haben wir sie eingekauft, beim Weiterbildungs-Zentrum Haus Busch in Hagen, mit guten Dozenten und Beratern. Die haben das Curriculum entworfen und die ersten Strukturen geschaffen. Es gab natürlich auch Startschwierigkeiten. Heute stehen wir auf eigenen Beinen.

Wer unterrichtet bei Ihnen?

Daniela Milutin vom WDR ist für die Radioausbildung verantwortlich, Christian Keller vom WDR fürs Fernsehen, Fanny Facsar vom ZDF für Online und Ulrich Pätzold für Print. Dazu kommen viele Dozenten von unseren Partnern.

Wer sind Ihre Partner?

Der RBB, das ZDF, der Tagesspiegel, die taz, der freitag, Radio Bremen, Zitty, Zeit Online, Der Spiegel (Berlin), die dpa, die Berliner Zeitung, Radio MetropolFM, Hürriyet und Sabah, Axel Springer kommt gerade dazu, die Pressestelle des Bundesministeriums für Bildung und der Integrationsbeauftragten und einige andere.

Nehmen Sie nur Menschen mit Migrationshintergrund oder auch zugezogene Ausländer auf?

Sowohl als auch.

Wie wichtig ist die Deutsche Sprache?

Wir bestehen auf sehr guten Deutschkenntnissen. In einem Fall haben wir eine Ausnahme bei einem Bewerber mit türkischem Hintergrund gemacht, der für türkische Zeitungen in Deutschland arbeiten möchte.

Wie setzen sich die Jahrgänge zusammen?

Im ersten Jahrgang hatten wir unter anderem eine türkische Gruppe, eine hispanische, Nah-Ost-Araber, Polen und Russen. Jetzt sind wir sehr kerneuropäisch und haben vor allem Schüler aus Italien, Polen, Kroatien, Frankreich, England und der Türkei. Die meisten sind um die 30. Unser Alters-Obergrenze ist bei Anfang 40.

Bringen so viele Kulturen nicht Spannungen mit sich?

Oh ja! Im ersten Jahr hatten wir in jeder religiösen, politischen, geografischen und sexuellen Hinsicht Frontverläufe. Aber das schärft auch die Argumentationen.

Interview: Jan Söfjer


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Uwe Schulte, 43, Dipl.-Politologe und Weiterbildungsmanager hat zehn Jahre lang in der organisatorischen Leitung privater Hochschulen gearbeitet. Seit vergangenem Jahr ist er Projektleiter für die Journalistenausbildung für Migranten am Bildungswerk Kreuzberg (BWK) und verantwortet internationale Bildungsprojekte des Hauses. Das BWK kümmert sich seit 25 Jahren vor allem um die Ausbildung von Jugendlichen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Ausbildungsplatz bekommen.

Dienstag, 8. März 2011

Betahaus Berlin: Alles andere als selbstbestimmtes Arbeiten

Im aktuellen "journalist" gibt es einen Text von Mathias Rittgerott über Co-Working-Spaces wie das Betahaus in Berlin, in dem man sich für einzelne Tage oder dauerhaft einen Schreibtisch mieten kann.

Jetzt lese ich aber: Um 18 Uhr wird das Betahaus dichtgemacht. Dann kommt nur noch rein, wer einen festen Tisch gebuch hat. Wie dämlich ist das denn? Bei der freiesten Form von Büro kann nicht mal jeder kommen und gehen, wie er will?

Zwölf Euro pro Tag oder 230 Euro pro Monat sind zudem ein ordentlicher Happen. In Berlin bekommt man auch für die Hälfte einen Büroplatz. Am Ende des Artikels sagt ein Betahaus-Nutzer, wenn er nach 19 Uhr noch weiterarbeiten möchte, gehe er in die Bibliothek: "Dort lenkt mich nichts ab, weil es kein Internet gibt und man nicht ständig private Mails liest."

Wie mir scheint, fahre ich mit der Bibliothek vor meiner Haustür, in die ich zum Schreiben gehe, gar nicht schlecht. Ins Internet kann ich mich bei Bedarf via UMTS-Stick einloggen und Telefoninterviews mache ich zu Hause. Im Betahaus muss man für längere Gespräche in einen extra Raum gehen. Festnetzanschlüsse gibt es nicht, wie ich das verstanden habe. Eine ehemalige Betahausbewohnerin sagt in dem Artikel: "Für längere Telefoninterviews ist es jedoch zu unruhig, die führt man besser daheim." Dort fühlt man sich auch nicht wie im Zoo: Zwei mal wöchentlich werden Besuchergruppen mit Neuinteressenten durch das Betahaus geführt.

Mittwoch, 23. Februar 2011

Wie Meldungen in die Presse geraten, die Menschen in ihrer Würde verletzen

Am 8. Februar, es war ein Dienstag, hatte ich Frühdienst in der Online-Redaktion der Frankfurter Rundschau. Ich war für die Platzierung der Top-Themen verantwortlich. Eine der Meldungen des Morgens war, dass die aus der Takelage der Gorch Fock tödlich abgestürzte Kadettin Sarah Seele angeblich starkes Übergewicht hatte. Die Bild-Zeitung hatte darüber berichtet und aus dem Obduktionsbericht zitiert.

Mir behagte die Meldung nicht. Ich fand, sie griff die Würde der Toten an. Ich ignorierte die Meldung erst einmal und lies sie etwas versteckt im Ressort. Später wies mich ein Kollege darauf hin, dass wir die Meldung prominent hoch ziehen müssten - wie viele andere Nachrichtenseiten. Die Bild zitiert immerhin aus dem offiziellen Obduktionsbericht, dachte ich mir, Bild-Redakteure sind zwar nicht für ihre hohe Moral bekannt, aber sie werden sich die Meldung nicht ausgedacht haben. Ich zog die Meldung hoch, achtete aber darauf, dass nirgendwo von "dick" oder "fett" die Rede war und verwendete im Titel den Begriff "offenbar dienstunttauglich".

Zwei Tage später stellte sich heraus, dass die Bild-Redakteure doch nicht ganz so sorgfältig recherchiert hatten. Für den Rücktransport war die Leiche der Frau mit 20 Kilo Formaldehyd präpariert worden, weil es im Flugzeug keine Kühlanlage gab. Das Transportgewicht tauchte in einem Bericht später als Körpergewicht auf. Die Bild zitierte die falsche Angabe.

Ich habe davon erst heute durch einen Bericht im aktuellen Spiegel erfahren, in dem der Freund von Sarah Seele, Daniel Wagner, ebenfalls bei der Marine, seine Partnerin rehabilitiert. Die Geschichte zeigt also auch, wie schnell sich gehässige Nachrichten verbreiten, wie schwerfällig jedoch die Richtigstellungen.

Vielmehr als die Sensationsgier der Bild-Zeitung, die die Macht gehabt hätte, die Meldung nicht in Umlauf zu bringen, frage ich mich allerdings, wer Seeles Bericht überhaupt an die Bild weitergereicht hat? Irgendwer muss es getan haben. Vielleicht jemand von der Bundeswehr, vielleicht ein Mediziner, vielleicht jemand von der Staatsanwaltschaft. Ich, und da bin ich nicht der Einzige, rege mich oft darüber auf, dass plötzlich die Presse wie verrückt über Fälle wie Käßmann oder Kachelmann berichtet. Ist jedoch so eine Meldung einmal in der Welt, ist sie nicht mehr aufzuhalten. Dann schimpfen alle über die böse Presse. Niemand schimpft aber über denjenigen (oft kann es nur ein Staatsdiener sein), der die Meldung an die Bild-Zeitung weitergereicht hat. Das nur am Rande.

Am Ende des Spiegel-Berichtes steht: "Nach Sarah Seeles Tod beklagte der 'Gorch Fock'-Kommandant Schatz, dass die motorischen Fähigkeiten der Kadetten abgenommen hätten: 'Die Jugend sitzt nicht mehr im Kirschbaum, sondern eher vor dem Computer.'" Die Süddeutsche Zeitung war sogar ganz verliebt in dieses Zitat und hat es mehr oder minder in jeden Artikel zum Thema geschrieben. Der Freund von Sarah Seele zeigte dem Spiegel ein Foto, dass sie in einem Hochseilgarten zeigt. „Sie war ein Kirschbaumkind“, beteuert er. Der Kommandant kannte Sarah nicht, sagt Wagner.

Dienstag, 22. Februar 2011

Tomatensauce und kaputte Bilderrahmen

Fragwürdige Relevanz eines Augenzeugenberichtes vom Erdbeben in Neuseeland

Augenzeugenberichte sind eine Urform des Journalismus. Unter anderem in der Frankfurter Rundschau und in den Stuttgarter Nachrichten ist nun ein Augenzeugenbericht aus dem neuseeländischen Christchurch erschienen, wo zumindest 65 Menschen bei einem Erdbeben ums Leben kamen.

In der Regel sind Augenzeugen Informanten für Journalisten, gute Augenzeugenberichte können auch für sich alleine stehen. Der Augenzeugen-Bericht in der Frankfurter Rundschau und den Stuttgarter Nachrichten wurde gar von einer Journalistin geschrieben. Sissi Stein-Abel arbeitet als Korrespondentin in Neuseeland für deutsche Zeitungen. 13 listet sie auf ihrer Website auf, auf der auch zu lesen ist, dass sie die Deutsche Journalistenschule besucht hat. Das hat mich überrascht.

Der Bericht von Stein-Abel ist keine Reportage und vermittelt nicht das Ausmaß der Tragödie. Der Bericht lässt den Leser, man könnte fast sagen: im Behaglichen. So heißt es: "Schnell die an der Wand baumelnden Bilder abhängen, die noch nicht in tausend Scherben auf den Boden gekracht sind, damit sie beim nächsten Rumpler nicht durch den Raum fliegen und noch mehr Schaden anrichten. Es lebe der alte deutsche Kleiderschrank, er steht unverrückt wie eine Eiche." Im begehbaren Speiseschrank stapeln sich gar "die Vorräte – garniert mit Tomatensauce und Glasscherben – einen halben Meter hoch". Und am Ende wird es fast schon romantisch mit "Nachbeben bei Kerzenschein".

Zwischendurch hat sich die Autorin draußen ein wenig umgeschaut und eingestürzte Kirchen und mit dem Schrecken davongekommene Menschen gesehen. Von den Toten hingegen ist in dem Text nichts zu lesen. Bei den Stuttgarter Nachrichten wurden sie zumindest noch hineinredigiert.

Nachtrag 24. Februar: Nun aber. FR-Autorin Sissi Stein-Abel streift durch das zerstörte Christchurch und spricht mit Überlebenden, Rettungskräften und Polizisten. Schönes Stück.

Donnerstag, 17. Februar 2011

Kreml-Propaganda in der SZ?

Im Dezember erschien erstmals in der Süddeutschen Zeitung die Beilage Russland heute. Redaktionell verantwortlich ist die Moskauer Rossiskaja Gaseta, eine Zeitung, in dem der Kreml seine Gesetze veröffentlicht. Wie es zu der Kooperation kam und was SZ-Chefredakteur Kister dazu sagt.

Ein Gastbeitrag von Diana Laarz aus Moskau

Wie man die Beilage Russland Heute bezeichnet, das hängt ganz davon ab, mit wem man sich unterhält. Die Anzeigenabteilung der Süddeutschen Zeitung liebt es englisch und nennt die Zusammenarbeit „paid content cooperation“. Der Chefredakteur von Russland heute, Alexej Knelz, ist sichtlich stolz auf „ein journalistisches Produkt und ein wenig Russland-Aufklärung“. Kurt Kister, der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, spricht etwas kühl von einer „mehr als einmal erscheinenden, bezahlten Anzeige, die der Kunde wie eine Zeitung aufgemacht hat“.

Fest steht eines. Das Engagement der Projektredaktion der Rossiskaja Gaseta trifft außerhalb der russischen Grenzen auf Misstrauen. Damit haben die Journalisten in ihrer Redaktion im Norden Moskaus in den vergangenen Jahren gelernt zu leben. Damit werden sie auch bei ihrem neuesten Projekt, dem deutschen, leben müssen.

Ein Blick in die erste Ausgabe von „Russland Heute“ liefert ein 16 Seiten langes, buntes, durchaus kritisches Schlaglicht auf Russland. Es geht – natürlich – um Gaslieferungen, Russlands Automobilbranche, Luschkows Misswirtschaft und Sobjanins holprigen Start. Die Kinder von Anna Politkowskaja erinnern sich an ihre Mutter, das große Filmstudio Mosfilm ist in der Moderne angekommen und das Schwerpunktthema widmet sich der Integration. „Von Integration oder Assimilation kann keine Rede sein“, stellt der Kaukasusexperte Alexej Malaschenko fest. Eine objektive und kritische Berichterstattung und vor allem mehr Hintergrund soll Russland Heute den deutschen Lesern bieten, sagt Chefredakteur Alexej Knelz. Themen wie Lifestyle und Kultur, die über mangelnder Pressefreiheit, Oligarchentum und Putinismus oft in Vergessenheit geraten, werden ins Blatt gerückt. Alexej Knelz, in Wolgograd geboren und mit neun Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert, bezeichnet sich selbst als „waschechten Schwaben“. Sein Schwäbisch habe er sich erst wieder abtrainieren müssen, als er Anfang des Jahrtausends für sein Journalisitkstudium an der Lomonossow-Universität nach Moskau kam. Auf eine Feststellung legt der Chefredakteur besonders viel Wert. Die Redaktion von Russland Heute veröffentlicht zwar Artikel, die schon in anderen russischen Medien erschienen sind, doch Inhalte des Mutterhauses, der Rossiskaja Gaseta, kommen nicht ins Blatt.

Angst vor Kreml-Propaganda

Egal welche Verordnung oder welches Gesetz – in Russland wird erst rechtskräftig, was in der Rossiskaja Gaseta veröffentlicht wurde. Für die Erfüllung dieser Aufgabe fließt Geld aus der Staats- in die Zeitungskasse. Kein Wunder also, dass der Zeitung der Ruf eines Verlautbarungsorgans der russischen Regierung anhaftet, die Angst vor Kreml-Propaganda geht um.

Als der Verlag 2007 – auf Inititiative des Außenministeriums – begann, mit einer internationalen Projektredaktion Beilagen für ausländische Zeitungen zu erstellen, war der Widerstand zunächst groß. Inzwischen aber erscheint die Beilage in elf Ländern in neun Sprachen. Die Kunden sind keine Leichtgewichte. Le Figaro aus Frankreich ist dabei, der Daily Telegraph aus England und die New York Times. Demnächst soll eine Ausgabe in China erscheinen.

Das Geschäftsmodell ist immer dasselbe. Die Redaktion in Moskau liefert das komplette Produkt und zahlt zusätzlich dafür, um die Beilage unterzubringen. Auch bei der Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung ist das nicht anders. Der Vertrag gilt zunächst ein Jahr, ab Februar erscheint Russland Heute monatlich. Wieviel die Rossiskaja Gaseta der Süddeutschen Zeitung zahlt, darüber schweigt sich Eugene Abow, Leiter der internationalen Projektredaktion, aus. Nur so viel: „Es reicht, um die Produktions- und Vertriebskosten zu decken.“

Ursprünglich sei eine Kooperation mit dem Axel Springer Verlag geplant gewesen, sagt Abow, dann kam die Finanzkrise dazwischen. Schließlich rückte die Süddeutsche Zeitung ins Visier. Die Geschäftsführung in München habe auf das Angebot aus Moskau zögerlich reagiert, das gibt Abow gern zu. „Das Geschäftsmodell war sehr neu für sie und sie brauchten Zeit es zu überprüfen.“ Die zu erwartenden Überweisungen aus Moskau mögen die Entscheidung positiv beeinflusst haben. Ebenso ein Blick auf die bereits publizierten Beilagen rund um den Erdball. Noch nie hätten Verlag oder Chefredaktion der Rosiskaja Gaseta Einfluss auf den Inhalt der Beilagen genommen, sagt Alexej Knelz. Und auch Eugene Abow versichert: „Alle unsere Journalisten sind unabhängige Schreiber.“

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung ist für die neue Beilage um Zustimmung gebeten worden. Sie hat zugestimmt. Unter einer Bedingung, sagt Kurt Kister: „Es muss klar erkennbar sein, dass diese Beilage nichts mit der Redaktion der Süddeutschen Zeitung zu tun hat.“

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Zur Autorin: Diana Laarz hat die Zeitenspiegel-Reportageschule besucht, bekam aber während der Ausbildung das Angebot, über das Institut für Auslandsbeziehungen als Redakteurin bei der Moskauer Deutschen Zeitung zu arbeiten. Seit eineinhalb Jahren ist sie dort Redakteurin und arbeitet nebenher als freie Korrespondentin. Auch in Russland Heute erscheint demnächst ein Artikel von Laarz - über die Verschärfung der Visabestimmungen für deutsche Russlandreisende.

Freitag, 11. Februar 2011

Zeit Online-Chef: Auf dem falschen Fuß erwischt

Für den aktuellen journalist habe ich die Titelstory geschrieben. Thema: Sind Online-Journalisten immer noch Redakteure zweiter Klasse? Um dieser Frage nachzugehen habe ich mich in sechs Online-Redaktionen (stern.de, spiegel.de, zeit.de, sueddeutsche.de, suedkurier.de, mopo.de) umgeschaut. Ich wollte aber keine Verlags-PR hören, wollte nicht hören, wie toll alles funktioniert, wie wahnsinnig integriert die Onliner sind. Ich wollte wissen, wie es wirklich aussieht, wollte auch kritische Stimmen haben. Deshalb war mir schnell klar, dass ich die aktiven und ehemaligen Online-Redakteure aus besagten Redaktionen, mit denen ich gesprochen habe, nicht würde namentlich nennen können, ja ihre Identität sogar teilweise würde verschleiern müssen.

Mir war von Anfang an klar, dass einige Leute meinen Text nicht sehr mögen würden, aber das ist bei kritischem Journalismus nun mal der Fall. Leider verstehen das selbst Journalisten oft nicht. Zeit-Chefredakteur Wolfgang Blau gehört offenbar dazu. Dabei ist Zeit Online wirklich nicht schlecht weggekommen.

Die kritischsten Formulierungen, die obendrein fast alles Zitate sind, laufen: Die Onliner bei der Zeit arbeiten unter dem Diktat der Stechuhr, haben nicht das gleiche Renomee und Gehalt wie Print-Redakteure und müssen sich erst beweisen, wenn sie fürs Blatt schreiben wollen. Alles bekannte, erwartbare, typische Merkmale von Online-Redakteuren.

In einem Twitter-Post vom 4. Februar schreibt Blau als Antwort auf den Artikel: "Wundern uns über Recherchemethoden des "Journalist". "Streifzug durch Redaktion" ohne Besuch Redaktionssitz Prenzlauer Berg? #gonzo"

Mit dem Redaktionssitz hat Blau leider Recht. Ich hatte die Redaktion fälschlicherweise in Prenzlauer Berg angesiedelt. Ein Ex-Redakteur von Zeit Online hatte mir gesagt, dass die Redaktion in Berlin mit dem Zeit Magazin zusammen säße. Google Maps bestätigt das (siehe hier). Ich habe das leider nicht weiter geprüft, doch Google Maps-Informationen sind wohl nicht per se glaubwürdig. Ich möchte mich für diesen Fehler bei meinen Lesern entschuldigen.

Aber zurück zu Wolfgang Blau. Ich schrieb ihm via Twitter, wie der Fehler passiert ist. Dass ich für so eine Undercover-Story nicht auf einen Kaffee vorbeikomme, dazu muss ich wohl nichts sagen. Alles in Ordnung also soweit. Offenbar nicht.

Nun sehe ich, dass Wolfgang Blau mich bei Twitter blockiert hat (siehe Screenshot). Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was ich nun dazu sagen soll, aber ein bisschen seltsam erscheint es mir schon.

Michael Skibbes Allergie gegen die Presse

Da haben wir es wieder: Ein Fußballer benutzt mal seinen Verstand, wenn er mit der Presse spricht und wagt, seinem Trainer höflich in eigener Sache zu widersprechen und schon wird er kaltgestellt.

Man kennt das bereits von Philipp Lahm. Dieser hatte allerdings krass den Trainer kritisiert, der daraufhin zu Recht nicht so begeistert war. Doch dass nun Eintracht-Trainer Michael Skibbe den ehemaligen Kapitän Ioannis Amanatidis kaltstellt, nur weil dieser in einem Interview gegenüber der Frankfurter Rundschau sagt, er sei besser in Form als Skibbe behaupte, das steht in keinem Verhältnis. Es zeigt, wie wenig Eigenständigkeit und Charakter einem Fußballspieler zugestanden werden, wenn er nicht einmal ein harmloses Interview mit der Presse führen kann ohne drastische Konsequenzen fürchten zu müssen.

Michael Skibbe hat offenbar ein Problem mit der Presse, oder sollte man gar sagen Pressefreiheit? Seinem Auftreten bei der Pressekonferenz nach hätte er am liebsten alle Journalisten rausgeworfen (siehe das Video im FR-Artikel). Auf eine Frage von FR-Sportredakteur Thomas Kilchenstein, ob Amanatidis suspendiert sei, antwortete Skibbe, als würde er mit einem Schuljungen sprechen, dem man alles fünf Mal erklären muss: "Herr Kilchenstein? (Seufzen) Soll ich es noch mal sagen? (Pause) Möchten Sie es noch mal hören, Herr Kilchenstein? (Pause) Er spielt keine Rolle mehr in meinen Planungen."

Offenbar hatte Skibbe das allerdings nicht mit Vereinschef Heribert Bruchhagen besprochen, denn dieser wusste, als ihn ein Journalist fragte, von nichts. In der Pressemitteilung heißt es nun: "Amanatidis spielt vorerst keine Rolle.


Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine sehr gute...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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