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zukunft der presse

Samstag, 31. August 2013

Welche digitale Presse?

Alle reden über die Zukunft der digitalen Presse? Doch von welcher digitalen Presse reden sie eigentlich? Sie existiert fast nicht.

Offenbar ist noch niemandem bisher aufgefallen, dass in der Medienbranche seit Jahren eine Geisterdebatte läuft. Seit Jahren fragt sich jeder, wie Journalismus im Internet finanziert werden kann und wer bereit ist, dafür zu zahlen. Bloß: Es gibt kaum eine digitale Presse, für die man zahlen könnte.

Wie sieht denn die digitale Medienlandschaft aus? Wir haben ein paar große Spieler wie Spiegel Online, Süddeutsche.de, Zeit Online. Vielleicht noch die ein oder andere Online-Redaktion, die wirklich die Arbeit einer Tageszeitung leistet. Doch die meisten Online-Redaktionen im Land - die von Lokal- und Regionalzeitungen, dem Rückgrat der deutschen Presse - sind nach wie vor sehr überschaubare Ressorts, die, wenn es hoch kommt, mit einer Handvoll Leuten, Agenturnachrichten online stellen und den ein oder anderen Print-Artikel des Hauses.

Das iPad spielt keine große Rolle

War es das? Jein. Kaum eine Zeitung hat mittlerweile nicht eine iPad-Ausgabe. Doch wie viele Deutsche haben ein iPad? Verglichen mit der Zahl der (potenzieller) Zeitungsleser sicherlich verschwindend wenige. Die meisten können iPad-Ausgaben also gar nicht lesen und sind auch nicht bereit, so ein Gerät zu kaufen. Nicht zuletzt, weil sie vielleicht ein günstigeres Nicht-Apple-Gerät besitzen.

Was aber unterdessen wirklich viele Deutsche besitzen, ist ein Smartphone. Vor allem die nicht ältere Zielgruppe, die wenig bis gar nicht mehr Zeitung liest. Bei den Smartphones selbst besitzt eine Minderheit ein iPhone (ich hörte mal jeder Fünfte), und die Mehrheit ein Android-Gerät - das ab der Version 4.0 das selbe Betriebssystem für Smartphones und Tablets besitzt. Windows 8 spielt nur eine Nischenrolle. Doch auf all diesen Geräten lässt sich kaum eine Zeitung oder Zeitschrift lesen. Am ehesten noch auf dem iPhone, aber das besitzt ja wieder nur eine Minderheit.

Die Masse der Presseprodukte kann von den meisten Menschen digital nicht gelesen werden

Bleibt festzuhalten: Auf den Webseiten finden sich, bis auf wenige Ausnahmen, nur Nachrichten und vereinzelte Print-Texte - oft die besten Texte nicht. Als Beispiel sei nur die Seite 3 der Süddeutschen Zeitung genannt. Okay, man kann sie schon lange als ePaper in der ganzen Ausgabe für zwei Euro erwerben, aber wer macht das? Der klassische Online-Journalismus auf den meisten deutschen Nachrichten-Websites bietet also zumeist ein eher mageres Angebot. Das was den deutschen Journalismus ausmacht, findet sich dort, bis eben auf wenige Ausnahmen, nicht. Obendrein, und das ist wirklich eine Gefahr, wissen vermutlich nicht wenige normale Leser gar nicht, dass Print und Online nicht identisch sind.

Die mobilen Geräte könnten da nun Abhilfe schaffen, aber so gut wie keine Zeitung ist auf den Geräten, welches die meisten besitzen, zu erwerben. Einzig die Süddeutsche Zeitung hat vorgestern eine App für alle Systeme auf den Markt gebracht (und sie ist großartig!), mit der man die Zeitung sowohl abonnieren als auch einzeln kaufen kann. Ich bin mir sicher, wir werden bald, nicht unbeeindruckende Käufer-Zahlen vom Süddeutschen Verlag hören.

Magazine wie der SPIEGEL waren da schon einen Schritt voraus, das Blatt kann man schon eine Weile selbst auf jedem Smartphone kaufen und lesen (auch, wenn das seitwärtsblättern keine gute Usability hat). Anderseits muss man den SPIEGEL immer komplett kaufen.

Warum kann man nicht einzelne Artikel für Centbeträge kaufen?

Die Deutschen lesen verflucht viele Artikel jeden Tag. Noch nie zuvor hatten Zeitungen so eine große Reichweite wie heute. Dank dem Internet. Das Interesse ist also da. Und warum sollte nicht die Bereitschaft da sein, einen angemessenen Preis für eine angemessene Leistung zu zahlen? Bislang war es bloß nicht möglich, jeden Artikel eines Produktes zu kaufen und zu lesen. Meist nicht einmal im Abo.

Man stelle sich nun vor: Jeder Artikel aus jedem gedruckten journalistischen Produkt wäre auf jedem Tablet und Smartphone und auch am Computer einzeln zu kaufen und zu lesen. Ein durchschnittlicher Artikel vielleicht für zehn Cent, eine größere Story für 30 oder 50 Cent. Wie oft wollte ich schon einen Artikel digital empfehlen, konnte es aber nicht, weil er nicht online stand. Und wie oft, wollte ich schon einen Artikel lesen, aber nicht eine ganze Ausgabe kaufen. Bei einer Tageszeitung fällt das nicht so ins Gewicht, aber bei einer Zeitschrift für vier bis acht Euro sehr wohl.

Man stelle sich vor, wie viel Geld jeden Tag umgesetzt werden könnte, wenn nahezu jeder Artikel für einen kleinen Preis zu lesen wäre. Warum muss überhaupt etwas kostenlos sein? Am Kiosk wird man bis heute vertrieben, wenn man zu lange hineinliest - oder auch nur ein Heft aufblättert. Selbst für Agenturtexte könnte man Geld verlangen. Wäre dem Leser eine interessante Nachricht nicht drei oder fünf Cent wert? Sucht er dafür die Nachricht bei einem anderen Anbieter, der sie umsonst offeriert?

Ein weiterer Punkt: Werbung kann in verlagseigenen Apps nicht ausgeblendet werden - wie es viele Nutzer am Heimcomputer oder Laptop machen.

Worum drehen sich diese ganzen Debatten also eigentlich? Der Journalismus hatte noch nie so gute Perspektiven vor sich wie jetzt.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Eine Erinnerung an Felix Helbig

Felix Helbig war die Nachwuchs-Hoffnung der Frankfurter Rundschau. Mit 32 Jahren starb er überraschend - und wurde an dem Tag beerdigt, an dem seine Zeitung gerettet wurde.

Felix war immer da. Als mich mein Online-Chef bei der Frankfurter Rundschau 2007 nach einem halben Jahr "runter" in den Newsroom der Stadt- und Regional-Redaktion schickte, damit ich mich um deren Online-Ressorts kümmere, habe ich Felix zum ersten Mal wahrgenommen. Er war immer da. Lokalreporter. Rein raus. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Dabei studierte er noch - irgendwie, nebenbei. Später wurde er Volontär, dann Redakteur und erlangte Aufmerksamkeit mit besonderen Recherchen. Das Medium Magazin zeichnete ihn als besonderen Nachwuchs-Journalisten aus.

Ich war mit Felix Helbig nicht befreundet. Aber mir war klar, dass er nicht irgendein Journalist war. Dass er nicht später zu irgend einem PR-Verein wechseln würde. Felix war für mich der junge Mr. Rundschau. Auch weil klar war, dass er nie woanders hin gehen würde.

Es ist gar nicht lange her, da sah ihn - zum letzten Mal. Es war vergangenen Sommer auf der Durchreise morgens am Frankfurter Südbahnhof. Die Rundschau hat nebenan ihren Sitz. Ich sah Felix durch eine Scheibe die Rolltreppe hochkommen. Wir sahen uns kurz an. Zu kurz, zu beiläufig für ein Wiedererkennen. Dann vor ein paar Wochen rief ich ihn an. Ich sollte für journalist - das Medienmagazin ein Portrait über einen FR-Redakteur schreiben, über das Arbeiten mit der Insolvenz im Nacken. Felix war der Erste, der mir in den Sinn kam. Felix war die Frankfurter Rundschau. Er war ein Teil der Zukunft der FR. Aber Felix wollte nicht. War ja auch kein schönes Thema.

Gerade eben lese ich: Felix ist tot. Gestorben nach einem Unfall auf der Autobahn A661 - "nicht an den Folgen des Unfalls, sondern an einer Krankheit, die keine Vorwarnung kennt", heißt es in seinem Nachruf. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.

Felix wurde 32 Jahre alt. Jahrgang 1980. Wie ich. Heute war seine Beerdigung. Zur selben Zeit wie die Pressekonferenz, auf der verkündet wurde, dass die FR nicht eingestellt wird, sondern die FAZ sie weiterführt. Seine Rundschau, die Zeitung, bei der er groß geworden war, werde nicht untergehen, sagte er, die letzten Wochen. Alle zweifelten. Felix nicht.

Donnerstag, 15. November 2012

In den 90ern stecken geblieben - Über den Niedergang der Frankfurter Rundschau

Der Niedergang der Frankfurter Rundschau liegt nicht im Internet, sondern in der Zeit davor begründet – und hängt auch damit zusammen, dass Reporter mit Ambitionen im Haus keine Perspektiven sahen.

Als ich 2007 bei der FR als freier Online-Redakteur anfing, arbeiteten sechs Onliner dort. Mit mir begannen noch rund ein halbes Dutzend Freiberufler. Ein Jahr zuvor hatte DuMont übernommen und baute nun aus – wenn auch ohne Festanstellungen. Später folgen Relaunch und preisgekrönte iPad-App. Man kann DuMont also vieles vorwerfen, aber nicht, vor dem digitalen Umbruch kapituliert zu haben. Der Verlag hätte mehr ins Netz investieren müssen, aber bei den Millionenverlusten sagt sich das leicht. Das Internet ist jedenfalls nicht die Ursache für den Niedergang der FR. Das Netz und der Anzeigenrückgang haben die Situation nur drastisch verschärft.

Publizistisch in der Bonner Republik geblieben

Spätestens als die Chefredakteure Hans-Helmut Kohl und Jochen Siemens (2000 bis 2002) mit einer Mittagsausgabe der Frankfurter Rundschau Millionen verbrannten, wurde deutlich, dass sich die Zeit des einst großen linksliberalen Blattes dem Ende zuneigt. Die FR sparte erstmals und besetzte Stellen nicht neu. Die Redaktion bemängelte schon damals in einem Brandbrief "das völlige Fehlen eines verlegerischen und publizistischen Konzepts zur Überwindung dieser für die FR lebensbedrohenden Krise." Andere Zeitungen konnten sich derzeit vor Anzeigen nicht retten. Es war die Hochphase vor dem Knall.

Doch die Probleme der FR gehen bis in die 90er Jahre zurück. Ein Kenner des Hauses sagte zu mir für meine Recherche zu Kurz-Portraits über die bisherigen FR-Chefredakteure: "Wenn Roderich Reifenrath [Chefredakteur von 1992 bis 2000] Mitte der 90er Jahre auf die Finanzen geachtet und die Kurve bekommen hätte, hätte man die FR damals schon auf höherem Niveau stabilisieren können." Doch Reifenrath lehnte jede Modernisierung ab.

Der Journalismus-Professor Michael Haller, der die FR vor Jahren strategisch beraten hat, sagte gegenüber dem Hessischen Rundfunk: "Die Frankfurter Rundschau hat den gesellschaftlichen Wandel der späten 90er Jahre hin zu einer zivilgesellschaftlichen, nicht mehr so auf Institutionen fixierten Gesellschaft nicht mitgemacht." Dadurch habe sie bereits damals stark an Auflage und Reichweite verloren. Andere sagen, die FR habe in der Berliner Republik nicht mehr ihren Platz gefunden.

Edelfedern nicht erwünscht und keine Mentoren für Nachwuchs

Hinzu kommt, dass die FR eine Entwicklung in der Branche verschlafen hat. Um sich von Online-Nachrichten abzuheben, setzen Tageszeitungen seit Jahren immer weniger auf schlichte Berichte, sondern mehr auf Storytelling und nähern sich Wochenzeitungen an. Die Reporterin und Theodor-Wolff-Preis-Trägerin Sabine Riedel, die früher bei der FR gearbeitet hat, erzählte mit im vergangenen Jahr auf einer Lesung allerdings, schon in den 90ern hätte sie gesagt bekommen, dass bei der Rundschau keine Edelfedern gebraucht würden. Seitdem hat sich wenig geändert.

In der Tat haben viele große Journalisten bei der FR angefangen, sind dort aber nicht geblieben, darunter beispielsweise Peter-Matthias Gaede (GEO-Chefredakteur) und Ullrich Fichtner (Spiegel-Reporter). Als ich 2007 ins Haus kam fand ich zwar eine sehr herzliche und kollegiale Stimmung vor, merkte aber, dass es bei der FR keine journalistische Perspektive gab. Als Onliner schrieb ich zwar wenig fürs Blatt, bemühte mich aber darum. Ich vermisste einen Mentor, der die jungen Journalisten im Haus zur Seite nahm und förderte. Und die Kollegen, die es hätten machen können, waren aufgrund des Stellenabbaus zu ausgelastet. Die letzten Jahre verließen dann sogar überzeugte Rundschau-Leute wie Ina Hartwig (ehemals FR-Literaturchefin) und viele Lokalredakteure das Haus. Ich selbst entschied mich 2009 gegen eine Festanstellung und für eine Journalistenschule, zwei Jahre drauf stieg ich ganz aus. Jeder ahnte, dass es mit der FR kein gutes Ende nehmen würde.

Sonntag, 12. Februar 2012

Warum die Online-Presse noch zu wenig Bedeutung hat

Dass Onlinezeitungen immer noch(!) weniger Bedeutung und Status als ihre Papierschwestern haben, sieht man gerade wieder einmal nach dem Tod von Whitney Houston.

Schaut man quer durch die Onlinepresse, so findet man eigentlich nur Agenturstücke oder Artikel von Online-Redakteuren, die ein bisschen was zusammengeschrieben haben - was keinen Mehrwert gegenüber einem guten Agenturstück bietet. Einzig auf Spiegel Online gibt es einen Nachruf auf Houston, der ein gutes Stück im Print am Montag überflüssig macht. Geschrieben wurde der Nachruf von Marc Pitzke - dem US-Korrespondenen von Spiegel Online (http://bit.ly/wumBV0). Mehr kann ein Nachruf kaum bieten. Und doch gibt es ein Problem und das hat damit zu tun, wie dieser Text rezipiert werden kann.

Als ich selbst den Text vor mir hatte, hatte ich keinerlei Lust ihn zu lesen. Nicht, weil mich das Thema nicht interessierte oder ich nicht lesen wollte, sondern, weil ich mich entspannen wollte. Erst Recht am Sonntag. Wenn ich in Ruhe lesen möchte, dann nicht am Computer, nicht nach vorne gebeugt, es strengt an, es stresst. "Mein Gott, wie lang der Artikel", dachte ich mir. Musste ich ihn lesen? Houston ist tot, die News kannte ich und am Montag würde ich in Ruhe in der SZ mehr erfahren, warum mich jetzt mit einem Online-Text stressen? Ich habe dann etwas probiert.

Den Artikel las ich zwar auf meinem Netbook, aber auf dem Sofa. Vom Gewicht und der Größe des Geräts her geht es gerade noch. Plötzlich war ich nicht mehr gestresst. Der Artikel war schnell gelesen und hätte auch noch länger sein können. Im Artikel schreibt der Autor über ein legendäres erstes Fernsehkonzert von Houston, ich habe es schnell auf Youtube gefunden. Beeindruckend (http://bit.ly/LpWWe).

Nun muss ich sagen, dass ich kein Tablet besitze und die zehnseitige Spiegel-PDF-Story, die ich noch lesen möchte, würde ich mir lieber ausdrucken, weil mein Netbook dann doch nicht so handlich ist. Bisher hielt ich Tablets für ziemlich überflüssig. Seit heute ist mir klar, dass durch sie der Online-Journalismus vielleicht genauso viel Bedeutung wie der Print-Journalismus gewinnen wird - eher mehr. Und der flächendeckende Besitz von Tablets könnte dazu führen, dass es bei der Tagespresse wirklich nur noch eine Redaktion für Print und Online gibt, wenn Print dann überhaupt noch produziert wird.

Das Problem des Online-Journalismus ist, dass die Mehrheit der Nutzer nur nebenbei liest - im Büro, in der Uni. Neben der Arbeit. Onlinezeitungen sind kein Zurücklehn-Medium. Sie taugen nur zur Ablenkung oder schnellen Information. Will man richtig in Ruhe lange längere Artikel lesen, stressen Online-Zeitungen. Das ist auch ein Grund, warum Online der Agenturjournalismus dominiert, warum der Leser vielleicht ein so gutes Stück, wie das vom Korrespondenten Pitzke über Houston, nicht genug wertschätzt. Oder anders: Warum es kaum Online eigene Korrespondententexte gibt. Warum Leser so viel Blödsinn und Kleinkram anklicken. Warum Online das Budget für Autorentexte gering (alle großen Marken) oder gar nicht vorhanden (faz.net, fr-online.de) ist.

Mit dem Tablet dürfte sich das ändern. Dafür müssen die Geräte aber günstig werden und die Mehrheit der Nutzer eins besitzen. Und hoffentlich hat sich bis dahin auch ein Bezahl-Verfahren oder Abo-Modell flächendeckend in der Online-Presse etabliert. Denn die iPad-Ausgaben, die Tablet-Ausgaben heißen sollten, weil sie nicht von Apple produziert werden, werden als kostenpflichtiges Modell dann nicht mehr funktionieren. Was für einen Sinn macht es denn, im Internet Tagesausgaben zu produzieren?

Mittwoch, 30. März 2011

Frankfurter Rundschau verliert Eigenständigkeit

Für mich ist auch eine Meldung in eigener Sache: Die Frankfurter Rundschau verliert ihre Eigenständigkeit. Das meldet die Süddeutsche Zeitung: "Die überregionale Berichterstattung der Zeitung, das bestätigten am Mittwoch mehrere an ihrem Umbau beteiligte Personen, soll künftig komplett in der Hauptstadt bei der Berliner Zeitung gebündelt werden, die ebenfalls zur Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gehört. Die dort ansässige DuMont Redaktionsgemeinschaft beliefert das Blatt - wie den Kölner Stadtanzeiger und die Mitteldeutsche Zeitung - bereits seit vergangenem Jahr mit politischen Berichten von bundespolitischer Bedeutung."

Montag, 7. Februar 2011

Warum sich bei sueddeutsche.de unter Stefan Plöchinger nichts ändern wird

Von allen Seiten hört man derzeit, die Online-Redaktionen sollen aufhören, alle die gleichen Nachrichten zu produzieren und endlich mal mit richtigem Online-Journalismus anfangen (siehe beispielsweise Interview mit Thomas Knüwer hier und hier oder Lorenz Lorenz-Meyer)

Bei sueddeutsche.de hatte Ex-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs immerhin damit begonnen, "weniger News auf die Seite zu packen und mehr in die Tiefe zu gehen", wie er auf den Mainzer Tagen der Fernsehkritik 2010 sagte. Der neue Chefredakteur Stefan Plöchinger, der im März anfängt, könnte sich nun weitgehend von der Agentur-Hechelei verabschieden und mit richtigen Online-Journalismus anfangen. Aber das wird wohl nicht geschehen.

Im Interview mit der neuen NR-Werkstatt Online-Journalismus sagt Plöchinger, er möchte zwar mehr ausprobieren und die mediale Vielfalt des Netzes nutzen, hinderlich seien jedoch die Routine und die Nöte des Alltags in Online-Redaktionen. Plöchinger sagt: "Man muss sich zwingen, für kreative Formen Raum freizuschaufeln - und, falls sie sich bewähren, in den Alltag überführen."

Das hört sich zuerst einmal gut an, in Wahrheit aber ist die Resignation bereits inbegriffen. "Sich zwingen", "Raum freischaufeln", "in den Alltag überführen": Das alles klingt wahnsinnig mühevoll, es klingt nach Ausnahme. Und zwar deshalb, weil Plöchinger am alten Content-Schubser-News-Modell festhält. Dann jedoch kann er, selbst wenn er ab und an etwas ausprobieren möchte, nicht damit rechnen, dass die Online-Redakteure begeistert sind. Wenn man sich nämlich auf das unkreative Nine-to-Five-Content-Producing eingelassen hat, fühlt es sich sehr störend an, wenn man plötzlich aus dieser "ruhigen" Welt herausgerissen wird.

Als ich noch bei der Frankfurter Rundschau vor Ort bei gearbeitet habe, sollte ich beispielsweise einmal mit einer Kamera raus gehen und Bilder von einer Gewerkschafts-Demo schießen. Gleich am Morgen. Ein andermal sollten ich und meine neuen freien Kollegen, einmal etwas Multimediales produzieren. Am Ende hat das alles viel Spaß gemacht, aber Anfangs fühlte ich mich wirklich gestört und wollte nur in Ruhe meine alte Arbeit machen.

Das Problem ist: Die klassische Content-Arbeit und der kreative Online-Journalismus haben eine komplett entgegengesetzte Geisteshaltung. Beides zusammen geht nicht. Man kann nicht plötzlich von einem hochgetakteten News-Rhythmus auf Laisser-Faire-Kreativ-Modus umschalten. Sonst entstehen bestenfalls schrundige Textchen oder wackelige Webvideos. Plöchinger muss sich entscheiden. Entweder große Teile der Redaktion arbeiten wirklich kreativ ohne Korsett, oder sie machen ihren alten Content-Job weiter.

Nachtrag vom 8. Mai 2013: Plöchinger hat Süddeutsche.de grundlegend verbessert und vielleicht sogar moderner gemacht, als es Spiegel Online ist. Plöchinger hat sich zu einem der innovativsten Online-Chefredakteure im Land entwickelt, von dessen Ideen und Gedanken die ganze Branche profitiert.

Mittwoch, 2. Februar 2011

Abo-Rückgänge


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Die IVW hat die Zahlen für das vierte Quartel 2010 veröffentlicht. Ich habe mir mal die Abo-Verkäufe der FR, der FAZ und SZ in den letzten zwölf Jahren angeschaut und in einem Diagramm veranschaulicht. Thomas Knüwer, den ich für die Februar-Ausgabe des journalist interviewt habe, hat sich bereits einige Gedanken zu den IVW-Zahlen gemacht.

Dienstag, 23. März 2010

Mangelware Journalist

"Leitende Journalisten mit eigenem Kopf und Profil sind mittlerweile Mangelware", schreibt der Branchendienst Meedia in Bezug auf die SZ-Chefredakteursnachfolge von Hans Werner Kilz. Aber die Aussage gilt auch für sich betrachtet. Es gibt zwar Zigtausende Journalisten (Wikipedia nennt alleine 40.000 freiberufliche), doch oben wird die Luft dünn. Fragt man zum Beispiel Textchefs von namhaften Magazinen, so sagen die, es gebe gar nicht so viele Journalisten, die Texte einer hohen Qualität pünktlich abliefern könnten.

Freitag, 23. Oktober 2009

Print ist angehaltene Zeit

Das Internet ist ein ewiger Fluss. Ein Print-Produkt aber ist für einen Moment angehaltene Zeit. Und ab und zu sollte jeder mal anhalten, um den Überblick zu behalten.

"Geo"-Chef" Peter Matthias Gaede im Meedia-Interview

Dienstag, 29. September 2009

Print muss sich nicht abhängen lassen

Eigentlich hätte sich an der dieswöchigen Spiegel-Ausgabe mal wieder gezeigt, warum Print für hochaktuelle Anlässe nicht wirklich geeignet ist.

Der Spiegel erscheint üblicherweise sonntags. Da hätten die Leser aber eine ganze Woche auf die Auswertung der Bundestagswahl warten müssen. Das Hamburger Magazin fand eine elegante Lösung.

Der Spiegel wurde einen Tag vorgezogen und erschien bereits am Samstag und seit Montag liegt ein Sonderheft zur Wahl an den Kiosken. Aktualitätsprobleme der gedruckten Presse sind also nicht zwingend eine Medienfrage, sondern vielmehr eine Flexibilitätsfrage.


Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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