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Freitag, 22. März 2013

Die Denunziation der Ost-Europäer durch die deutsche Presse

Das Spiel funktioniert: Innenminister Friedrich warnt vor immer mehr Armutsflüchtlingen aus Ost-Europa, deutsche Städte warnen, sie kämen mit diesen Menschen nicht zurecht, die Zahl dieser Einwanderer soll sich in den letzten Jahren mehr als verdoppelt haben. Die Medien: berichten darüber, greifen diese Zitate, Warnungen und Zahlen auf. Aber: Sie stimmen nicht.

Zwei Drittel derjenigen, die nach Deutschland kommen, bleiben nicht, berichtet das NDR-Medienmagazin Zapp. Überhaupt: Es kommen nicht nur Arme, sondern der Bevölkerungsquerschnitt, viele Ärzte und Studenten. Das passt zu einer Beobachtung, die ich kürzlich bei einer Recherche in einem Krankenhaus gemacht habe. Alle jungen Ärztinnen (es waren alles Frauen) kamen aus Ost-Europa. Der Grund: Es fehlen qualifizierte Ärzte bei uns im Land, wohl nicht wenige deutsche Ärzte gehen in Länder, wo sie mehr verdienen und weniger Stress haben. Doch die deutschen Medien von der FAZ über Maischberger bis zum Heute Journal greifen Zahlen und Zitate auf, die Panik und Ablehnung von Menschen aus Ost-Europa schüren. Hinterfragt wird wenig bis nichts. Stattdessen: Vermeintlicher "Zigeuner-Alarm". Wir erinnern uns an die Schweizer Weltwoche mit seiner Schlagzeile "Die Roma kommen." Ist ja noch plakativer, Bürger aus Ost-Europa, die nach Deutschland kommen, pauschal als Sinti und Roma zu bezeichnen und damit diese Gruppe zudem mit Negativem zu verbinden.

Übrigens: Wenn ich in ein anderes Land umziehen würde, würde ich von mir selbst gar nicht als Migrant denken und reden. Ich würde einfach, in einem anderen Land arbeiten. Vielleicht weil der Begriff Migrant selbst schon eine leichte negative Konnotation hat. Aber auch, weil es ich es als normal und mein Recht betrachte, zu leben und zu arbeiten, wo ich möchte. Dieses Recht erkennen wir anderen bisweilen aber ab.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Eine Erinnerung an Felix Helbig

Felix Helbig war die Nachwuchs-Hoffnung der Frankfurter Rundschau. Mit 32 Jahren starb er überraschend - und wurde an dem Tag beerdigt, an dem seine Zeitung gerettet wurde.

Felix war immer da. Als mich mein Online-Chef bei der Frankfurter Rundschau 2007 nach einem halben Jahr "runter" in den Newsroom der Stadt- und Regional-Redaktion schickte, damit ich mich um deren Online-Ressorts kümmere, habe ich Felix zum ersten Mal wahrgenommen. Er war immer da. Lokalreporter. Rein raus. Den ganzen Tag. Jeden Tag. Dabei studierte er noch - irgendwie, nebenbei. Später wurde er Volontär, dann Redakteur und erlangte Aufmerksamkeit mit besonderen Recherchen. Das Medium Magazin zeichnete ihn als besonderen Nachwuchs-Journalisten aus.

Ich war mit Felix Helbig nicht befreundet. Aber mir war klar, dass er nicht irgendein Journalist war. Dass er nicht später zu irgend einem PR-Verein wechseln würde. Felix war für mich der junge Mr. Rundschau. Auch weil klar war, dass er nie woanders hin gehen würde.

Es ist gar nicht lange her, da sah ihn - zum letzten Mal. Es war vergangenen Sommer auf der Durchreise morgens am Frankfurter Südbahnhof. Die Rundschau hat nebenan ihren Sitz. Ich sah Felix durch eine Scheibe die Rolltreppe hochkommen. Wir sahen uns kurz an. Zu kurz, zu beiläufig für ein Wiedererkennen. Dann vor ein paar Wochen rief ich ihn an. Ich sollte für journalist - das Medienmagazin ein Portrait über einen FR-Redakteur schreiben, über das Arbeiten mit der Insolvenz im Nacken. Felix war der Erste, der mir in den Sinn kam. Felix war die Frankfurter Rundschau. Er war ein Teil der Zukunft der FR. Aber Felix wollte nicht. War ja auch kein schönes Thema.

Gerade eben lese ich: Felix ist tot. Gestorben nach einem Unfall auf der Autobahn A661 - "nicht an den Folgen des Unfalls, sondern an einer Krankheit, die keine Vorwarnung kennt", heißt es in seinem Nachruf. Keine Ahnung, was das bedeuten soll.

Felix wurde 32 Jahre alt. Jahrgang 1980. Wie ich. Heute war seine Beerdigung. Zur selben Zeit wie die Pressekonferenz, auf der verkündet wurde, dass die FR nicht eingestellt wird, sondern die FAZ sie weiterführt. Seine Rundschau, die Zeitung, bei der er groß geworden war, werde nicht untergehen, sagte er, die letzten Wochen. Alle zweifelten. Felix nicht.

Dienstag, 26. Februar 2013

Der finanzielle Niedergang des Guardian

Kündigt der Guardian betriebsbedingt den ersten Redakteuren mit Wolfgang Blaus Amtsantritt?

Die Guardian Media Group (Guardian plus Sonntagsblatt Observer) verliert jede Woche über eine Million Pfund. Im vergangenen Geschäftsjahr betrug der Verlust 75,6 Millionen Pfund. Alleine das neue, gläserne Bürogebäude in der Nähe des Londoner Bahnhofs King's Cross kostet zwölf Millionen Pfund Miete im Jahr.

Wie wohl kein anderer Chefredakteur hat Alan Rusbridger auf das Digitale gesetzt. Der Guardian ist online eine der weltweit am meisten gelesen Zeitungen. Doch die Online-Erlöse, auf die Rusbridger so setzt, betragen nach wie vor nur ein Viertel der Gesamt-Erlöse. Zugleich ist die gedruckte Auflage von gut 400.000 Exemplaren (2005) auf 200.000 gefallen. Doch von Bezahlmodellen will Rusbridger nichts wissen. Einzig die iPhone und iPad-App sollen angeblich etwas kosten. Schon bei der Android-App ist von einer Bezahlschranke aber keine Spur. Was alles sehr merkwürdig ist, denn wer zahlt für eine App, wenn die Website umsonst ist?

Während die New York Times und die schwedische Tageszeitung Aftonbladed derweil mit ihren Bezahlmodellen mehr Einnahmen online als mit den jeweiligen Print-Ausgaben erzielen, macht der Guardian weiter herbe Verluste.

Im April fängt der Zeit Online-Chefredakteur Wolfgang Blau beim Guardian als Digital Strategy Director an. Es ist nicht zu erwarten, dass er von Rusbridgers Linie abweicht. Auch Zeit Online war bislang sehr konsequent darin, für die Website kein Geld von den Lesern zu verlangen. Das fordert aber nun seinen Preis. Wohl recht zeitgleich mit Blaus Amtsantritt dürften beim Guardian die ersten Redakteure betriebsbedingt gekündigt werden. Bereits im Sommer hatte die Guardian-Gruppe versucht, rund 100 Angestellte loszuwerden.

Quellen: - http://www.zeit.de/2013/06/Guardian-Medien-Internet-Journalismus/komplettansicht
- http://www.taz.de/!108878/
- http://mediahsba.blogspot.de/2012/08/der-erfolg-des-guardian-in-den-neuen.html

Mittwoch, 30. Januar 2013

"Mein Kampf mit Hitler"

haffner

Heute vor 80 Jahren wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt und übernahm die Macht in Deutschland. Das ZDF hat zu dem Thema einen sehr schönen und interessanten dreiviertelstündigen Dokufilm produziert, der Spielfilmszenen mit Archivbildern vermengt.

"Mein Kampf mit Hitler" zeigt die wahre Geschichte des 25-jährigen Rechtsreferendars Sebastian Haffner, der 1933 die Machtübernahme Hitlers in Berlin erlebte. Er wurde Zeuge eines dramatischen Umbruchs, sein bester Freund musste fluchtartig emigrieren, Haffners Liebe zu einer Jüdin zerbrach. Hier kann man sich den Dokufilm ansehen: http://bit.ly/XSokQ6

"1933. Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums"

montag

"Heute ist also Hitler Reichskanzler, eine nette Gesellschaft, na die werden auch mit Wasser kochen, bleibt abzuwarten was nun kommt!", schreibt Rosa Süss aus Mannheim 1933 an ihre frisch vermählte Tochter Liselotte und deren Mann Manfred Sperber, die in Italien ihre Flitterwochen verbringen. Bis Ende 1933 sollten über 300 Erlasse, Verordnungen und Gesetze den Juden in Deutschland das Leben schwer machen.

Das Jüdische Museums Berlin hat anlässlich des 80. Jahrestages von Hitlers Machtergreidung das Online-Projekt "1933. Der Anfang vom Ende des deutschen Judentums" gestartet. Bis Ende 2013 werden Zeugnisse der Entrechtung und Verdrängung wie auch Belege des normalen Alltags der deutschen Juden gezeigt. Mehrmals in Monat werden Dokumente und Fotografien präsentiert – jeweils 80 Jahre nach ihrer Entstehung. Die gezeigten Objekte, darunter Urkunden und Ausweise, Briefe und Postkarten, Anträge und Protokolle, Tagebucheinträge, Notizen und Fotografien, geben Einblick in die unmittelbaren und indirekten Auswirkungen der anti-jüdischen Maßnahmen sowie in die Reaktionen, die sie hervorriefen.

Hier geht es zum Online-Projekt: http://bit.ly/X8iNEi

Montag, 14. Januar 2013

Dürfen Journalisten Parteimitglieder sein?

Der taz-Redakteur Felix Dachsel hat sich als SPD-Parteimitglied geoutet. Journalismus und Parteimitgliedschaften, das geht nicht gut zusammen - denkt man, und irgendwie ist es auch so, aber muss es zwangsläufig zu sein? Vor zwei Jahren wollte ich selber in die SPD eintreten.

Ich saß damals in einer Schöneberger Bibliothek, wo ich immmer zum Schreiben hinging, und entdeckte zufällig das Buch: "... auf dem Dienstweg: Die Verfolgung von Beamten, Angestellten und Arbeitern der Stadt Berlin 1933 bis 1945".

Ich las die Geschichte vom damaligen Oberinspektor des Bezirksamtes Kreuzbergs, Friedrich Küter (SPD). Er benutzte nicht den Hitlergruß und fragte Leute, die mit dem Hitlergruß grüßten, ob es keinen "Guten Tag" mehr gebe. Küter verschwand im KZ. Nach der Geschichte wollte ich in die SPD eintreten. Um irgendwie meinen Beitrag für die Demokratie zu leisten. Ich war aber unsicher, wegen unabhängigem Journalismus und so, auch, wenn ich gar nicht über Politik schreibe.

Ich schrieb jedenfalls Heribert Prantl von der SZ einen Brief und fragte ihn, was er darüber denke. Er antworte, meine Begründung sei aller Ehren wert, aber grundsätzlich sei er bei sowas skeptisch, da es bei "(politischen) Journalisten" die "Besorgnis der Befangenheit" wecke, "um es juristisch zu formulieren". Ich bin dann nicht eingetreten und vermisse auch nichts. Ich kann Die Argumente von Dachsel aber völlig nachvollziehen. Zuallererst gilt sowieso: Wir brauchen mehr Journalisten mit Haltung!

Montag, 7. Januar 2013

Nach Italien?

Turin
Turin. Foto: Jan Söfjer

Es ist die letzte Nacht in Italien, doch es wird immer schwerer sich dem Land zu entziehen. Morgen geht es wieder zurück nach Deutschland - direkt nach Hannover, wo ich meine vorerst letzten beiden Tage an der Hochschule Hannover unterrichten werde (Weblogs und Social Media). Vielleicht werde ich bald öfter zwischen Italien und Deutschland pendeln.

Nach vier Jahren in Deutschland zieht es meine Freundin zurück in ihr Heimatland. Noch ist sie im Volontariat und alles nur eine Idee - aber eine nachdrückliche.

Anfangs scheute ich den Gedanken. Ich spreche nicht mal Italienisch, nur eine Handvoll Wörter und Sätze. Aber so mühsam es auch sein mag: Sprachen lassen sich lernen - erst Recht, wenn man in einem Land lebt. Meine Sorge war oder ist vielmehr, ob ich als freier Journalist in Italien über die Runden kommen werde. Recherchen in Deutschland würden wegen der Flüge schwieriger, selten. Anderseits schreibe ich den größeren Teil meiner Geschichten nach Telefon-Recherchen. Das würde nicht wegbrechen. Es würde aber ein neues Feld hinzukommen: die Italien-Korrespondenz. Ein bisschen Nachfrage sollte da vorhanden sein. Nich einmal Spiegel Online hat einen festen Korrespondenten im Land.

Und Turin, die Stadt würde es wohl werden, ist eine wirklich außerordentlich tolle, kulturelle. Vielleicht ein bisschen eine Mischung aus Leipzig und Wien. Und wenn ich überlege: Was für Perspektiven habe ich eigentlich in Deutschland? Überschaubare auf jeden Fall. Da könnte so ein Schritt ganz neue Tore öffnen.

Dienstag, 1. Januar 2013

2013

Viel Erfolg allen im neuen Jahr!

Donnerstag, 15. November 2012

In den 90ern stecken geblieben - Über den Niedergang der Frankfurter Rundschau

Der Niedergang der Frankfurter Rundschau liegt nicht im Internet, sondern in der Zeit davor begründet – und hängt auch damit zusammen, dass Reporter mit Ambitionen im Haus keine Perspektiven sahen.

Als ich 2007 bei der FR als freier Online-Redakteur anfing, arbeiteten sechs Onliner dort. Mit mir begannen noch rund ein halbes Dutzend Freiberufler. Ein Jahr zuvor hatte DuMont übernommen und baute nun aus – wenn auch ohne Festanstellungen. Später folgen Relaunch und preisgekrönte iPad-App. Man kann DuMont also vieles vorwerfen, aber nicht, vor dem digitalen Umbruch kapituliert zu haben. Der Verlag hätte mehr ins Netz investieren müssen, aber bei den Millionenverlusten sagt sich das leicht. Das Internet ist jedenfalls nicht die Ursache für den Niedergang der FR. Das Netz und der Anzeigenrückgang haben die Situation nur drastisch verschärft.

Publizistisch in der Bonner Republik geblieben

Spätestens als die Chefredakteure Hans-Helmut Kohl und Jochen Siemens (2000 bis 2002) mit einer Mittagsausgabe der Frankfurter Rundschau Millionen verbrannten, wurde deutlich, dass sich die Zeit des einst großen linksliberalen Blattes dem Ende zuneigt. Die FR sparte erstmals und besetzte Stellen nicht neu. Die Redaktion bemängelte schon damals in einem Brandbrief "das völlige Fehlen eines verlegerischen und publizistischen Konzepts zur Überwindung dieser für die FR lebensbedrohenden Krise." Andere Zeitungen konnten sich derzeit vor Anzeigen nicht retten. Es war die Hochphase vor dem Knall.

Doch die Probleme der FR gehen bis in die 90er Jahre zurück. Ein Kenner des Hauses sagte zu mir für meine Recherche zu Kurz-Portraits über die bisherigen FR-Chefredakteure: "Wenn Roderich Reifenrath [Chefredakteur von 1992 bis 2000] Mitte der 90er Jahre auf die Finanzen geachtet und die Kurve bekommen hätte, hätte man die FR damals schon auf höherem Niveau stabilisieren können." Doch Reifenrath lehnte jede Modernisierung ab.

Der Journalismus-Professor Michael Haller, der die FR vor Jahren strategisch beraten hat, sagte gegenüber dem Hessischen Rundfunk: "Die Frankfurter Rundschau hat den gesellschaftlichen Wandel der späten 90er Jahre hin zu einer zivilgesellschaftlichen, nicht mehr so auf Institutionen fixierten Gesellschaft nicht mitgemacht." Dadurch habe sie bereits damals stark an Auflage und Reichweite verloren. Andere sagen, die FR habe in der Berliner Republik nicht mehr ihren Platz gefunden.

Edelfedern nicht erwünscht und keine Mentoren für Nachwuchs

Hinzu kommt, dass die FR eine Entwicklung in der Branche verschlafen hat. Um sich von Online-Nachrichten abzuheben, setzen Tageszeitungen seit Jahren immer weniger auf schlichte Berichte, sondern mehr auf Storytelling und nähern sich Wochenzeitungen an. Die Reporterin und Theodor-Wolff-Preis-Trägerin Sabine Riedel, die früher bei der FR gearbeitet hat, erzählte mit im vergangenen Jahr auf einer Lesung allerdings, schon in den 90ern hätte sie gesagt bekommen, dass bei der Rundschau keine Edelfedern gebraucht würden. Seitdem hat sich wenig geändert.

In der Tat haben viele große Journalisten bei der FR angefangen, sind dort aber nicht geblieben, darunter beispielsweise Peter-Matthias Gaede (GEO-Chefredakteur) und Ullrich Fichtner (Spiegel-Reporter). Als ich 2007 ins Haus kam fand ich zwar eine sehr herzliche und kollegiale Stimmung vor, merkte aber, dass es bei der FR keine journalistische Perspektive gab. Als Onliner schrieb ich zwar wenig fürs Blatt, bemühte mich aber darum. Ich vermisste einen Mentor, der die jungen Journalisten im Haus zur Seite nahm und förderte. Und die Kollegen, die es hätten machen können, waren aufgrund des Stellenabbaus zu ausgelastet. Die letzten Jahre verließen dann sogar überzeugte Rundschau-Leute wie Ina Hartwig (ehemals FR-Literaturchefin) und viele Lokalredakteure das Haus. Ich selbst entschied mich 2009 gegen eine Festanstellung und für eine Journalistenschule, zwei Jahre drauf stieg ich ganz aus. Jeder ahnte, dass es mit der FR kein gutes Ende nehmen würde.

Mittwoch, 7. November 2012

Bertelsmanns Akademie für die Pressefreiheit

Im September vor einem Jahr besuchte ich die ersten Schüler der International Academy of Journalism (Intajour) für den journalist. Bertelsmann hatte die Schule ins Leben gerufen, um die Pressefreiheit in Ländern zu stärken, in denen es um diese nicht besonders gut steht - oder in denen es wenig Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Journalisten gibt.

Jetzt habe ich für die Frankfurter Rundschau einen Nachklapp geschrieben, in dem ich zeige, was die Schule zwei Absolventinnen gebracht hat.

Freitag, 26. Oktober 2012

Geldregen für Online-News?

Facebook hat einen Weg gefunden, Geld zu verdienen und die deutschen Verlage sollten sich das genau ansehen.

Die Berliner Zeitung schreibt heute im Wirtschaftsaufmacher (leider nicht online): "Facebook setzte im vergangenen Quartal 150 Millionen Dollar im Bereich der mobilen Werbung um, also Anzeigen, die auf Smartphones und Tablets eingebledet werden. Das war eine Verdreifachung zu den geschätzten 50 Millionen Dollar, die Facebook im vorherigen Quartal verdiente."

Das Geschäft mit der "mobilen" Werbung wird das große Ding für die Verlage werden. Es könnte abseits von Paywalls die große Erlösquelle werden. Und auf verlagseigenen Apps gibt es nicht mal Werbeblocker. Jetzt müssten die Online-Nachrichtenseiten nur erstmal Apps haben.

Die Leser sind da, aber wo die News?

Wie große Teile der deutschen Presse die Zukunft des digitalen Nachrichten-Konsums verschlafen.

Seit kurzem habe ich ein Smartphone. Ein entscheidender Kaufgrund war, dass ich vorhabe, damit kurze Videos bzw. Interviews zu drehen (das Samsung S2 schafft Full HD) und als Zusatz zu meinen Artikeln zu verkaufen. Kein nennenswerter Kaufgrund war, unterwegs surfen zu können. Insofern bin ich überrasc
ht über mein Smartphone-Nutzungsverhalten. Nicht unterwegs, sondern zu Hause.

Am Computer lese ich schon lange so gut wie gar keine Online-Nachrichten mehr. Ich habe die Berliner Zeitung und die Süddeutsche Zeitung im Print abonniert, wichtige Fach-Neuigkeiten über die Medienbranche bekomme ich via Newsroom-Newsletter und vor allem durch eine sorgfältig und thematisch eng begrenzte Liste von Leuten, denen ich auf Twitter folge.

Es stresst mich, zu Hause bei der Arbeit oder privat Online-Nachrichten auf dem PC-Bildschirm zu lesen. Ich werde unruhig und verspannt. Bislang habe ich höchstens einmal am Tag für wenige Sekunden Spiegel Online geöffnet. Das war's. Jetzt schaue ich fast immer, wenn ich das Smartphone in die Hand nehme auf Spiegel Online.

Ich glaube, das liegt daran, dass der PC ein Lean-Vorward-Medium ist, ein Smartphone aber ein Lean-Back-Medium. Es ist entspannend, mit dem Smartphone zu surfen und zu lesen.

Verlorene Leser durch fehlende Apps

Spiegel Online lese ich auf dem Smartphone aber nur so oft, weil es eine App für die Seite gibt. Scheinbar ist sie überflüssig. Sie kann nicht viel mehr als die Browser-Version. Aber ich muss nicht erst meine Internet-App öffnen und spiegel.de eintippen oder in den Lesezeichen suchen. Das rote Spiegel Online-Icon prangt auf meiner Smartphone-Startseite und immer wenn ich das Ding in die Hand nehme, möchte ich irgendetwas damit machen. Das heißt, ich klicke auf: Instagram (nicht nur ein Filter-Tool, sondern auch spannendes soziales Foto-Netzwerk), Twitter, Xing, Spiegel Online, Facebook. Würde es keine App für Spiegel Online geben, würde ich die Seite mobil sehr viel seltener bis gar nicht ansteuern.

Ich war also ziemlich überrascht, als ich sah, dass es für ZEIT Online und Süddeutsche.de keine Apps für mein Smartphone gibt. Das Kurioseste dabei: Es gibt eine ZEIT Online App, aber nur für das Betriebssystem iOS, also nur für iPhones. Auf rund 40 Prozent aller Smartphones in Deutschland ist aber laut golem.de Android installiert. Das Apple-System kommt nur auf gut 20 Prozent. Möchte mal jemand ausrechnen, wie viele Zugriffe und Leser ZEIT Online dadurch verloren gehen? Dabei gilt die Redaktion als Online-Vorreiter und Chefredakteur Wolfgang Blau wurde gerade vom Guardian als Director of Digital Strategy abgeworben.

Auf meine Frage via Twitter an ZEIT Online, ob es wirklich keine Android-App für ZEIT Online gebe, bekam ich die Antwort: "Das stimmt. Wir konzentrieren uns auf Optimierung der Mobil/Tablet-Angebote." Aha. Fabian Mohr, Entwicklungs-Redakteur und Mitglied der Chefredaktion, ergänzte: "Das an einer nativen App festzumachen, ist nur etwas gestrig."

Süddeutsche.de hat zu meinem Erstaunen ebenfalls keine App aufgesetzt. Chefredakteur Stefan Plöchinger antwortete auf Nachfrage aber immerhin: "Kommt bald :)"

Viele Zeitungen besitzen nicht mal eine mobile Version ihrer Website

Ryan Lytle schrieb die Tage auf dem Blog 10.000 Words - Where Journalism and Technology meet: "It’s no surprise to anyone reading this that mobile devices, such as smartphones and tablets, are skyrocketing in popularity and usage." 36 Prozent der amerikanischen Smartphone-Nutzer lesen täglich News auf ihrem Gerät, schrieb er, 62 Prozent jede Woche. Und die Zahlen stiegen dramatisch schnell. "But it’s still shocking to see some news sites that aren’t fully optimized for the mobile experience."

Das trifft auch auf viele deutsche Regional und Lokal-Zeitungen zu, die ihre Website nicht für mobile Geräte optimiert haben – von einer App ganz zu schweigen. Sogar der Tagesspiegel gehört dazu. Dabei erzählte mir der Online-Chef Markus Hesselmann kürzlich bei einem Besuch mit dem Fachausschuss Online des DJV Berlin in seiner Redaktion, dass die Redaktion mittlerweile noch früher anfangen würde zu arbeiten, da die Leser heute nicht erst in Büro Nachrichten lesen würden, sondern bereits auf dem Smartphone auf dem Weg ins Büro.

Fehlanzeige auch bei der oft für ihre Online-Strategie gelobten Rhein-Zeitung. Auch die Leipziger Volkszeitung bietet keine mobile Version an. Das ist insofern konsequent, als dass auch die Titel des Mutterhauses Madsack, Hannoversche Allgemeine und Neue Presse keine mobile Version vorweisen können. Die Neue Presse wurde erst diesen Sommer gerelauncht. Das die Zukunft der digitalen Nachrichten-Nutzung vergessen wurde, sagt viel aus über das digitale Selbstverständnis eines der größten deutschen Zeitungs-Verlage in Deutschland - und damit auch über die deutsche Presse.


Die Debatte zum Text mit Beteiligung mehrer Online-News-Redaktionsleiter ist auf Facebook zu finden.


Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine sehr gute...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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