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Donnerstag, 15. September 2011

Warum ZDF-zoom das Presenter-Format nicht verstanden hat

Der Reporter als Presenter ist schwer in Mode. Wie man ihn falsch einsetzt, zeigt das seit Mai laufende Format ZDFzoom.

Heute lief in der Reihe "Die heimlichen Strippenzieher", ein Stück über die Arbeit von Lobbyisten. Das zentrale Element bei allen ZDFzoom-Beiträgen ist der Reporter als Presenter. Redaktionsleiter Christian Dezer erklärt im Blog zur Sendung:

Erzählen soll ein "handelnder Autor" - als Bindeglied zwischen Zuschauer und Thema. Der kann und soll seine Vorgehensweise, seine Recherche und seine Ergebnisse transparent und für den Zuschauer nachvollziehbar machen. Ein handelnder Autor kann das Publikum an die Hand nehmen oder zumindest seine Hand hilfreich ausstrecken, um durch oft vielschichtige und komplexe Themenbereiche zu führen.

Mein Eindruck: Die Reporterin Anna Grün drängt sich in dem nicht uninteressanten Beitrag wahnsinnig auf, ständig ist sie im Bild, nur um im Bild zu sein. Mit Bindeglied zum Thema hat das nichts zu tun. Ich habe nichts gegen das "Ich" in der Reportage und nichts per se gegen Presenter, bisher haben sie mich nie gestört, dieses Mal jedoch gewaltig.

Der ehemalige ARD-Chefreporter Christoph Lütgert hat auch als Presenter gearbeitet. Auf einer Finanz-Veranstaltung versuchte er, Carsten Maschmeyer zu konfrontieren, der mit seiner Finanzvertriebsgesellschaft AWD zahllose Kleinanleger über den Tisch gezogen hat. Auch KIK-Chefs, die mit der Ausbeutung von Menschen in Bangladesch Geld verdienen, hat Lütgert konfrontiert - im Fahrstuhl abgefangen. Das Format war in diesem Fall sinnvoll, weil es zeigte, wie die Verantwortlichen davonlaufen oder sich verstecken.

Bei ZDF Reporter benutzen sie auch das Presenter-Format. Mal arbeitet ein Reporter als Billiglöhner, um die Ausbeutung am eigenen Leib zu erfahren, mal testet er die Servicefreundlichkeit in Geschäften. In den Beiträgen war der Presenter sinnvoll.

Nicht in jedem Beitrag von ZDFzoom ist der Presenter unangebracht. In dem Stück "Der Preis der Liebe - Das Dilemma der Kinderbetreuung" erzählt die Reporterin von ihren eigenen Schwierigkeiten, eine Kinderbetreuerin zu finden. Man kann auch hier darüber streiten, dass die Reporterin sich selbst zur Protagonistin gemacht hat und sich keine gesucht hat, zumindest aber funktioniert es. Anders als in dem Beitrag über den norwegischen Amokläufer Breivik. Was interessiert mich, wie der Reporter im Flugzeug sitzt? Mich interessieren die Ergebnisse und nicht, ob seine Haare gut geföhnt sind. Der Beitrag "Arbeiten bis zum Umfallen - Volksleiden Burnout" beginnt in einem Hochseilpark. Die Reporterin hat Probleme damit, sich abgesichert fallen zu lassen. Man erfährt, dass sie leicht Burnout gefährdet ist. Es vermischt sich die Geschichte mit dem Geschichtenerzähler. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, weil die Reporterin zu viel Stress mit der Burnout-Story hatte? Ich bin ein bisschen abgelenkt.

Bei dem Beitrag "Blutige Geschäfte - Auf den Spuren des Organhandels im Kosovo" trauert eine Frau trauert an einem Grab. Ihre Brüder wurden im Kosovo-Krieg verschleppt. Doch schon in Sekunde 13 sieht man den einen betroffenen schauenden Presenter-Reporter hinter einem Grabstein. Was hat er mit der Geschichte zu tun? Ich möchte die Geschichte der Frau hören, nicht die des Reporters. Danach sitzt er in einem schönen Café am Laptop und simuliert Recherche. Es fehl die Demut vor dem Thema und den Betroffenen.

Auch in dem Stück über Lobbyismus will mir nicht einleuchten, warum ich Anna Grün gefühlte 135 Mal in Nahaufnahme sehen muss, wenn sie einen Lobbyisten interviewt oder mit ihm eine Politikerin besucht. Da wäre es besser gewesen, in den Hintergrund zu treten, um nicht vom Thema abzulenken.

Das Presenterformat ist schon heikel genug, da es immer so aussieht, als hätte der Presenter die ganze Arbeit gemacht, die wahre Recherche erledigt aber in der Regel das Redaktionsteam im Hintergrund. Wenn ein Reporter schon so stark in den Vordergrund gestellt wird, sollte auch die Arbeit der Kollegen gezeigt werden oder der Presenter sagen, dass er die Information hat, weil sein Kollege Hans-Martin Müller acht Wochen lang recherchiert hat. In jedem Fall aber, muss es gerechtfertigt sein, dass der Reporter Teil der Geschichte wird.

Und noch etwas: Ein Presenter drängt sich dem Zuschauer auf, ob es sinnvoll ist oder nicht. Deswegen sollte er kein Internet-Gespenst sein. Zumindest die grobe Vita sollte im Netz stehen. Über Anna Grün hingegen findet man nichts.

Dienstag, 13. September 2011

Freie Jugend in Israel und Gaza

"Fuck Hamas. Fuck Israel. Fuck Fatah. Fuck UN. Fuck UNWRA. Fuck USA! We, the youth in Gaza, are so fed." Das sind Anfangsworte eines Manifestes der "Free Gaza Youth", das Anfang des Jahres den Weg in die Öffentlichkeit fand. Auch der Guardian berichtete. Ein paar Monate später gingen auch Israels auf die Straße. Zum ersten Mal in der Geschichte demonstriert sowohl die Jugend in Gaza als auch in Israel gegen Ungerechtigkeit und für ein besseres friedlicheres Leben, zu lange mussten sie wegen politischer Unruhen still sein.

In Israel demonstrieren die Menschen gegen Kapitalismus, die Verarmung der Mittelschichts, zu hohe Mieten und vieles mehr. Sie beklagen, dass nur wegen der Sicherheitspolitik das Land im Inneren so marode werden konnte, Ungerechtigkeiten zementiert wurden. Alleine die Zuwendungen für Ultraorthdoxe und Siedler belasten die Bürger in Israel schwer. Die Religiösen genießen ökonomischer Privilegien und eine Lebensweise, "von denen die produktive Klasse nur träumen kann", schreibt die israelisch Soziologin Eva Illouz in der ZEIT. Trotzdem versuchen die Demonstranten so unpolitisch wie möglich zu sein und vor allem bloß nicht die Palästinenserfrage aufzuwerfen, denn genau solche Debatten haben über Jahrzehnte alle anderen Fragen unterdrückt.

Hinter den Zäunen und Mauern in Gaza demonstriert die Jugend ebenfalls. Für ein Leben in Frieden und Freiheit. Von Israel werden sie bombardiert, von der Hamas unterdrückt. Nicht einmal offen demonstrieren können sie, nur über das Internet haben sie Kontakt in die Welt.

Was der Jugend in Gaza bleibt, ist die Flucht in den Sport: Breakdance, Skaten, Parkour, Wellenreiten. Der Reporter Carsten Stormer hat die Gaza-Jugend besucht und zwei bemerkenswerte Reportagen für Mare - die Zeitschrift der Meere und das Amnesty International Magazin geschrieben.

"Sie sind in Gaza gefangen, wo die Einwohner wenig spüren, selten genießen, wenig erleben. Ein Volk im Koma, das an der Gegenwart vorbei gleitet, und einer Jugend, die es satt hat, dass ihre Träume eingesperrt sind", schreibt Carsten in "Fliegen lernen". Er zitiert einen jungen Mann: „Wir haben dieses beschissene Leben satt. Israel hält uns gefangen, die Hamas schlägt uns, und der Rest der Welt interessiert sich nicht für uns“, sagt Abu Yazin und die Mädchen nicken.

Mittwoch, 7. September 2011

Midnight in Paris

Midnight in Paris ist ein wundervoller, selig machender Film - zumindest für Menschen mit einem Hauch Nostalgie. Ich selbst hatte Zweifel, bis ich den Film vorhin gesehen habe, aber diese Zweifel rührten vermutlich von dem Trailer, der so gut wie nichts von dem Kern des Films zeigt, sondern nur, wie wenig Lust der schriftstellernde Gil (Owen Wilson) auf die Aktivitäten seiner Verlobten, ihres Pseudo-Intellektuellen Bekannten und ihrer konservativen Eltern hat. Gil hingegen ist von seinen nächtlichen Trips angetan - die ihn ins Paris der 20er Jahre führen. Kein Traum, wie Regisseur Woody Allein zeigt, eher ein Märchen.

Gil trifft die ganze Künstler- und Literaten-Bagage des damaligen Paris: Hemingway, Dalí, Fitzgerald und viele mehr. Jeder, der nur einen Funken Sympathie für diese Gestalten hat, wird begeistert sein. Vielleicht ist Hemingway ein ganz klein bisschen zu klischeehaft geraten - oder war Hemingway nicht gerade so? Mich hat der Film jedenfalls überzeugt, er ist eine hinreißende Hommage an eine verlorene Epoche.

Zweifler wie Georg Diez schrieben im SPIEGEL der Film sei voller Klischees. Ulrich Greiner ist in der ZEIT schon weiter: "Nur der mittelmäßig begabte Künstler meidet das Klischee", schreibt er. "Der blutige Anfänger stürzt sich hinein und wird, weil er es nicht bemerkt, sein komisches Opfer. Der geniale Könner hingegen spielt mit dem Klischee." Diez bemängelt, man sehe keine schicksalslosen Migranten im heutigen Paris. Ich frage mich, ob er auch in tristen Banlieu-Filmen bemängelt, wenn man keine schönen Boulevards sieht. Diez schreibt, Allen benutze nur Abziehbilder, Klischees, aber gerade das ist das Hauptmotiv des Films - unser Denken in Klischees, und dass die alten Zeiten natürlich nicht so prachtvoll waren, wie wir glauben. Im Film wird das deutlich, wenn sich die Charaktere im Paris der 20er Jahre ins Belle Epoque am Ende des 19. Jahrhunderts wünschen, als die Welt noch nicht so turbulent gewesen sei.

Am Ende löst Allen alles ganz wundervoll auf. Was bleibt, ist die Erfahrung zumindest einmal auf der Leinwand gesehen zu haben, wie es wäre, ins Paris der 20er einzutauchen, einmal mit all den Legenden eine große Sause zu machen.

Wenn der Film schon vorbei ist, dauert es lange, bis man wieder in der Gegenwart angekommen ist. Selbst Berliner Hauptstraßen haben dann noch für etliche Minuten etwas Nostalgisches. Es gibt nicht viele Filme, die solch einen nachhaltigen Zauber besitzen.

Samstag, 27. August 2011

Syrien – Deutsche Reporter recherchieren unter Lebensgefahr

Syrien ist derzeit einer der gefährlichsten Orte für Journalisten. Vier Reportagen aus Syrien habe ich bisher gelesen, eine auf newyorker.com, zwei im Spiegel. Doch keine zeigt so anschaulich, wie das syrische Volk unter den mordenden Truppen von Assad leidet, wie die Reportage von Wolfgang Bauer in der aktuellen ZEIT. Ein atemraubendes Stück unter großen Gefahren in der syrischen Stadt Homs recherchiert.

Immer wieder durchschneiden Schussgarben die Stille in den Straßen. Als Ahmed jetzt vors Haus tritt, mit geradem Rücken, um bloß keine Angst zu zeigen, wie der Mitfünfziger sagt - „das riechen die,“ sagt er, „darauf sind die gedrillt“ -, da flüchte ich, der Besucher aus dem Ausland, in den hinteren Teil der Wohnung. Das Haus von Ahmed und Faten ist mein Versteck. Im Familienrat haben sie beschlossen, für mich alles aufs Spiel zu setzen, die Freiheit und ihr Leben – damit diese Reportage geschrieben werden kann.
Im Gegensatz zu anderen Berichten und Reportagen sieht Bauer vieles selbst: Kinder mit zerschossenen Füßen in einem Krankenhaus, das von Männern mit Kalschnikows beschützt werden muss - damit Assads Männer keine verwundeten Demonstranten erschießen. Er bekommt mit, wie ein Freund von Mazen, dem 25-jährigen Sohn der Familie, die Bauer aufgenommen hat, vom Geheimdienst entführt wird. Zwölf von Mazens Freunde wurden in den letzten Wochen ermordet. Einer wurde gefoltert und ist nun im Krankenhaus angekettet, damit er sich nicht umbringt. Stattdessen schmiert er seinen Kot an die Wand, wie Bauer erzählt wird.

Mazen sagt: „Ich werde mich nicht festnehmen lassen“, vorher erschieße er sich. Hilflos sieht ihn die Mutter an. „Wo ist mein Sohn?“, schreibt Faten in ihr Tagebuch „Ich vermisse sein Grinsen, sein verschmitzes Lächeln, sein verrücktes Tanzen, und am meisten vermisse ich: seine Liebe zum Leben.“

Bauer hört von Spielplätzen, die voller Blut seien, weil in den Schulen nebenan Menschen eingesperrt seien. Und er trifft Geheimdienste-Offiziere, die nur noch zum Dienst gehen, weil sie Angst um ihre Familien haben. 12.000 Menschen sollen alleine in Gefängnissen ermordet worden sein, sagt ein Offizier.

Bauers Recherche in Homs war lebensgefährlich. Als Panzer Homs zu umschließen drohen, flieht er. Der Familienvater Ahmed bringt ihn mit dem Auto raus. Plötzlich stehen sie direkt hinter den „Sicherheitskräften“. Schwere Explosionen, Maschinengewehrfeuer. „Da zeigt ein Soldat im Heck eines Busses auf mich“, schreibt Bauer. Drei weitere tun das Gleiche. Dann erreicht der Konvoi eine Kreuzung. Ahmed biegt ab.

„Sie kommen! In eure Richtung.“ - Ein Spiegel-Reporter in Damaskus

Auch im Spiegel erschienen zuletzt zwei Reportagen aus Syrien – eine in der aktuellen Ausgabe (nur noch heute im Handel erhältlich). Die Texte sind ohne Namen erschienen, um Autor und Informanten zu schützen.

Der Spiegel-Reporter war in Damaskus und in einem Vorort, da wo die Gewalt am schlimmsten ist. „Nur über einen Internetdienst, unter der Identität eines vor Wochen erschossenen Freundes, ist einer der Führer des örtlichen Oppositionskommitees erreichbar. Erst in letzter Minute wird der Treffpunkt genannt: ein Gemüselaster an einer Kreuzung. Der Fahrer nickt kurz, über Kurvenpfade geht es an den Ortsrand. In einer Ferienwohnung warten die Männer vom Komitee.“ Einer wurde gerade aus dem Folterkeller gelassen. Er bekam so lange Stromschocks an die Hoden, bis er Blut urinierte. Seine Hände zittern noch beim Teeeingießen.

Einer der Männer hat die Gewalt der Assad-Truppen gefilmt. Zwei Stunden Aufnahmen sieht sich der Reporter an. „Sequenzen von abgerissenen Köpfen, zerfetzten Körpern, abgetrennten Füßen, gezielten Einschüssen in Ohr, Auge, Stirn.“

Auch der Spiegel-Reporter hat viel riskiert:

Plötzlich klingt eine Stimme aus dem Funkgerät. 'Sie kommen! In eure Richtung. Mannschaftswagen mit Bewaffneten, einer, zwei, fünf, mindestens acht.' Geduckt schaut Ali über die Brüstung des Balkons. am unteren Ende der Straße patrouillieren bereits Männer mit Kalaschnikows, 'weg, weg!', rasend schnell werden Funkgeräte, das kostbare Satellitentelefon und Taschen gegriffen, durch Garten und Dunkelheit geht es zu einem anderren Quartier. Von überall her melden sich die Beobachter aus anderen Vierteln: Mehrere hundert Mann sind eingerückt, das Stakkato von Maschinengewehrfeuer ist zu hören.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Jonathan Stock - der unaufhaltsame Kriegsreporter

Der schlimmste und brutalste Ort des arabischen Frühlings ist Syrien. Männer, Frauen, Kinder werden bisweilen wahllos auf der Straße erschossen. Assad ist gnadenloser als Gaddadi. Ausländische Journalisten trauen sich nicht ins Land - bis auf sehr wenige Ausnahmen. Zwei sind mir bekannt. Der Spiegel veröffentliche in seiner aktuellen Ausgabe einen Bericht über Syrien, für den ein Spiegel-Reporter vor Ort recherchiert hat. Der Text enthielt nicht mal eine Namenszeile - zum Schutz des Journalisten und seiner Informanten.

Der andere Reporter, der sich nach Syrien gewagt hat, ist Jonathan Stock, der bereits als gefühlt einziger deutscher Reporter neben Wolfgang Bauer von der libyschen Front berichtet hat. Stock veröffentlicht sogar unter seinem Namen. Man könnte nun denken, er sei ein alt-erfahrender Reporter-Veteran, doch Stock kommt frisch von der Henri-Nannen-Schule. Seit April erst ist er festangestellter Reporter bei Spiegel Online, mit einem kurzen Vorspiel bei GEO Epoche. Ob ihn die Redaktion jedoch wird halten können, ist ungewiss. Sein jüngster Artikel aus Syrien erschien jetzt beim New Yorker.

Dienstag, 7. Juni 2011

Großes Geschütz, keine Munition: Spiegel.de attackiert Daniel Bahr

Nicht mal einen Monat ist er im Amt, da gerät Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) auch schon unter Beschuss.

"Bahrs Ehec-Krisenmanagement: Verseucht, verheddert, vermurkst", titelt Spiegel Online. Eine heftige Anklage, die Florian Gathmann und Anna Reimann da erheben.

Sie schreiben: "Die Nation fragt sich: Was können wir noch essen?" Und dann wird Bahr plötzlich überraschend freigesprochen: "Natürlich hat Bahr darauf keine Antwort, das wäre auch zu viel verlangt von ihm." Es dränge sich aber ein "Gefühl" auf, dass der Politiker ein bisschen überfordert sei. Ein Gefühl. Damit das eigene Gefühl nicht gänzlich alleine steht, werden ein paar Stimmen aus der Opposition zitiert.

Das ist alles. So wenig reicht, um sehr promienent auf der bedeutendsten deutschen Online-Nachrichtenseite einen Politiker hart angehen zu können, so als habe er die katastrohalsten Fehlentscheidungen seiner Karriere getroffen. Das ist kein kritischer Journalismus, sondern Gier nach Aufmerksamkeit, deren Aufhänger selbst konstruiert sind.

Montag, 6. Juni 2011

Die verfehlte Kischpreis-Debatte

Es ist viel über die Aberkennung des Nannenpreises in der Kategorie Reportage (Kischpreis) für René Pfister geschrieben worden. Die meisten Kommentare gingen am Kern der Sache vorbei.

Sehr stark wird das in einem stern-Interview mit Zeit-Chefredakteur und Jury-Mitglied Giovanni di Lorenzo deutlich. Er sagt in einem stern-Interview, das ganze Portrait über CSU-Chef Horst Seehofer baue auf der Einstiegsszene des Textes auf. Diese sei aber rekonstruiert und genüge damit nicht den Ansprüchen an eine Reportage. Di Lorenzo vermisst ein „Wort des Bedauerns“ beim Spiegel-Redakteur Pfister, spricht von Fehler und mangelnder Einsicht.

Die Enkelin von Henri Nannen, Stephanie Nannen, spricht gar von „Betrug an der Wahrheit“, von „Verrat“. Sie stand am Anfang der Debatte. In der taz meldeten sich Henri-Nannen-Schüler. Sie reden von "Vorspiegelung falscher Tatsachen", „Strafgesetzbuch“, „schummeln“, „Betrug“ und „Eitelkeit“. Harte Worte. Und alle Kritiker zeigen doch nur, dass sie sich haben blenden lassen. Von der Jury, die den Text Pfisters als Reportage auszeichnete. Hier ist das Problem.

Pfisters Text ist keine Reportage

Der Text ist keine Reportage. Es gibt nur drei Szenen in einem langen Text. Man muss nicht wie Zeit-Dossier-Chef Stefan Willeke ein langes Plädoyer darüber halten, was die Reportage darf und was nicht (auch, wenn sein Plädoyer eine wundervolle Hommage an den Beruf des Reporters ist), denn Pfisters Text ist einfach keine Reportage. Egal, welchen Maßstab man anlegt. Es ist ein politisches Portrait, dass unter anderem wenige Szenen beinhaltet.

Die Jury und viele Kritiker haben sich über den Einstieg des Textes aufgeregt. Dabei ist der Einstieg gar keine Szene. Es ist ein faktischer Einstieg. Es macht mich sprachlos, dass die Nannenpreis-Jury diese Nicht-Reportage als beste Reportage ausgezeichnet hat, sich dann aber aufregt, weil eine Kernpassage nicht die Ansprüche einer Reportage erfüllt. Es ist absurd. Paradox.

Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und auch Mitglied der Jury, hat es als einer der wenigen verstanden. In der FAZ schrieb er, es gehe um die Frage, "ob es sich hier am Ende um einen Kategorienfehler handelt und der Text in der falschen Kategorie ausgezeichnet wurde".

Kolumnist Harald Martenstein führt den Gedanken fort: „Mag sein, dass dem Nannen-Preis einfach eine Kategorie fehlt, für Essays, Analysen und Porträts, diese Kategorie sollte man einführen und sie im ersten Jahr René Pfister verleihen.“

So oder so ist bereits ein großer Schaden entstanden. Für die Jury, aber noch ein größerer für René Pfister. Statt der größtmöglichen Ehrung erhielt er nun die größtmögliche Strafe. Steht, wie auch Martenstein sagte, in einer Ecke mit Guttenberg und Tom Kummer.

Einer der wenigen, der all das von Anfang an verstanden hat, war Geo-Chef Peter-Matthias Gaede, auch Nannen-Jury-Mitglied und vielleicht der erfahrenste und beste Reporter in der Runde. Er war sehr dagegen, Pfisters Text als beste Reportage auszuzeichnen. Am Ende kämpfte er aber vehement dagegen, Pfister den Preis wieder abzuerkennen.

Die Geringschätzung der Reporter

Was die ganze Debatte offenbart hat, ist nicht nur, dass selbst einige der bedeutendsten Journalisten der Republik ein zu schwammiges Bild von der Form der Reportage haben (was nicht heißen soll, dass nur die reine Lehre gelten soll. Ich stimme Willeke zu, der sagt, dass die Reportage in einer komplexer werdenden Welt komplexer werden muss), die Debatte hat auch offenbart, wie groß die Abneigung nicht weniger Journalisten gegenüber Reportern und der Reportage ist. Natürlich von Journalisten, die keine Reportagen schreiben. Von politischen Journalisten, vor allem aber von Feuilletonisten.

Schon Enzenzberger kritisierte 1957 die „Sprache des Spiegel“ als zu storyfixiert, wie auch Stefan Winterbauer auf meedia.de anmerkte. Enzensbergers Kritik wird heute vor allem vom FAZ-Feuilletonchef Claudius Seidl weitergeführt. Im journalist stritt er sich mit Willeke über den Fall Pfister. Seidl wirft den Reportern vor, einen Hang zum „Trivial-Literarischen“ zu haben, dass am Ende in den Reportagen „alles aufgeht“. Schon vor einem Jahr bemängelte Seidl: „Genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein.“

Wir möchten keine Literatur schaffen

Ich sehe das nicht so. Ich möchte keine Literatur schaffen, wenn ich eine Reportage schreibe. Ich glaube auch nicht, dass andere Reporter Literatur schaffen möchten. Ich habe auch schon Shortstorys veröffentlicht, aber die Literatur reizt mich bei weitem nicht so sehr wie der Journalismus und speziell der Beruf des Reporters. Mir scheint es eher ein Problem zu sein, dass Seidl die Reportage mit den Maßstäben der Literaturkritik misst und enttäuscht ist, dass sie seinen literarischen Ansprüchen nicht genügt.

Reporter möchten keine Literatur schaffen, sie möchten Geschichten erzählen. Reale Geschichten. Wir bilden uns nicht ein, alles wissen zu können und glauben nicht, in jeden Kopf schauen zu können. Wir sehen nur die Menschen und ihre Handlungen, vielleicht mit Hintergrundwissen im Kopf. Eine Haltung haben wir auch, weil niemand ohne sein kann. Wir wollen einfach die Geschichte, die wir sehen, aufschreiben. Verdichtet, strukturiert. Eine Geschichte braucht eine Dramaturgie. Aber die Quelle dieser Dramaturgie ist nicht die Fiktion, sondern die Realität.

Dienstag, 31. Mai 2011

Der Edelfeder-Exodus beim stern

Christoph Reuter, der einzige deutsche Korrespondent in Afghanistan, verlässt das Land - und seinen Arbeitgeber den stern. Reuter wechelt zum Spiegel. Das ist keine Überraschung. Es scheint ein Trend zu sein.

Alleine in der jüngsten Zeit wechselten auch Alexander Kühn und Markus Grill vom stern zum Spiegel. Und jetzt Christoph Reuter. Im Gegenzug kenne ich keinen Spiegel-Redakteur, der jüngst zum stern gewechselt ist.

Warum? Die verkaufte Auflage des sterns ist zwar stärker eingebrochen als die des Spiegels, aber immer noch hoch - 863.000 Exemplaren im ersten Quartel 2011 (Spiegel: 967.000). Und die stern-Titel waren immer schon schlimm - Diäten, Psychologie und Rückenschmerzen. Woran liegt es dann? Vielleicht am Ruf des Spiegels. Vielleicht an der Ahnung, dass langfristig nur eins der großen Magazine überleben wird. Vielleicht, weil die Antwort des Spiegels auf die digitale Ära mehr Recherche und vermehrt sehr lange Stücke sind.

Das krasseste Beispiel ist "Der Bankraub" gewesen, ein 138.000-Zeichen-Stück, 40 A4-Seiten. Die Rekonstruktion des Enstehens der Wirtschaftskrise erhielt den berühmtesten Journalistenpreis, den Henri-Nannen-Preis. Es war einer von acht Nannen-Preisen, die der Spiegel in den letzten sieben Jahren erhielt. Neun Nannen-Preise, wenn man René Pfisters aberkannten mitzählt.

Der stern bekam in den Jahren nur einmal den Nannen-Preis. Dabei beherrschen auch stern-Journalisten die große Form, wie sie im Report "Todesflug AF-447" souverän gezeigt haben. Es ist aber aber leider eine seltene Ausnahme. Es gibt zu wenige gute Reportagen im stern. Oder anders gesagt: Die guten Reporter bekommen zu wenig Platz im Heft.

Ich fragte Christoph Reuter einmal, ob er plane, etwas über die Hinterbliebenen des Tanklaster-Angriffes in Kunduz zu machen. Zuvor hatte er ein Online-Stück über Entschädigungszahlungen geschrieben. Reuter sagte dazu: "Nochmal eine Geschichte zu den Hinterbliebenen ... hätte bei uns leider keinen so recht interessiert."

Freitag, 27. Mai 2011

Ein Feuilleton im besten Sinne

... doch oft gibt es so etwas leider (mehr) nicht in der Presse. Es erfordert fast schon Mut, so etwas in online-dominierten Nutzwert-Zeiten zu bringen (online wüsste man gar nicht wohin damit). Doch der wahre Wert lässt sich gar nicht hoch genug abschätzen. Denn dieses kleine Feuilleton ist auch ein Plädoyer für die Muse, die Ruhe, den kleinen schönen Gedanken und die Kunst

Leben bringt er, Tod und allgemeine Bewegung: der Wind
Süddeutsche Zeitung, 27. Mai 2011

Dienstag, 26. April 2011

Wie GMX seine Kunden verarscht

GMX gibt sich sehr viel Mühe, seine Kunden zu verärgern. Ein gutes Beispiel bin ich selbst. Ich bin ProMail-Kunde, zahle also drei Euro jeden Monat für meinen Account. Kürzlich wollte ich die AGB lesen, fand sie aber nirgends. Ich dachte, bei den Infos zu neuen Tarifen stehen sie sicher. Ich klicke auf TopMail (fünf Euro im Monat), dann kommt ein Feld, wo ich meine Anmelde-Daten bestätigen soll (nicht mehr), ich bestätige und schon habe ich einen TopMail-Vertrag abgeschlossen.

Ich storniere den Vertrag umgehend online, habe aber Angst, dass ich nun vielleicht meinen ProMail-Vertrag verlängert habe, man weiß ja nie, besser gleich zu FreeMail wechseln. Ich storniere die Stornierung. Zack, damit ist mein TopMail-Vertragsabschluss endgültig. Scheinbar. Als ich mich per Mail schriftlich beschwere, kann ich ihn doch stornieren. Nun ist aber mein ProMail-Vertrag, der nur noch bis Juni gelaufen wäre, bis April 2012 verlängert. Beschwerde aussichtslos.

Nun habe ich zu FreeMail gewechselt. Zu April 2012. Das geht aber nicht online. Dafür muss ich erst einen Ausdruck unterschreiben und an die GMX-Zentrale faxen oder per Post schicken - innerhalb von fünf Tagen, sonst ist die Kündigung ungültig. Nur Schikanen!

Eigentlich ist GMX ein guter Mailanbieter, aber mit diesen Drückermethoden versauen sie sich alles. Von einem guten Mailanbieter erwarte ich Transparenz und problemlose Tarifwechsel ohne große Mindestlaufzeiten. Beides bietet GMX nicht. Man spürt ständig, wie sie jeden Trick anwenden, um Kunden in Verträge zu locken, aus denen man nur schwer wieder herauskommt. Das ist traurig. Gut, dass ich schon lange primär Googlemail nutze.

Nachtrag 5.10.11: Nur noch ein halbes Jahr und ich bin endlich aus dem Vertrag raus. Aber man glaube nicht, GMX würde mir anzeigen, in welchen Tarif ich wechseln würde. Da steht nur: "Der Tarifwechsel wird zum 11.04.2012 23:59:59 Uhr ausgeführt. Klicken Sie hier für weitere Informationen und zum Stornieren der Aktion." Ja, wenn ich dort klicken würde, bekäme ich mit Sicherheit weniger Informationen, sondern würde meine Kündigung mit einem Klick ohne Abfrage stornieren und könnte dann vermutlich frühestens in einem Jahr kündigen. Sauladen.


Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine sehr gute...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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