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Freitag, 22. April 2011

GEO vs. Jungblut: Wenig Grund zum Streiten

Vor einiger Zeit gab es großen Streit zwischen dem langjährigen GEO-Autor Christian Jungblut und der GEO-Redaktion. Die Redaktion verlangte eine neue Textversion und redigierte den Text danach noch weiter um. Jungbluth zog seinen Text zurück, GEO-Chef Gaede wollte den Text ohne Autorennamen drucken, Jungblut bestand auf seiner Version unter seinem Namen. Am Ende erschien die redigierte Version - mit Namen. Jungblut klagte auf Unterlassung und bekam in erster Instanz recht.

In der aktuellen Ausgabe von Message kommentiert der emeritierte Journalistik-Professor Michael Haller den Fall und spricht darüber mit Gaede. Auf drei Seiten ist zudem veranschaulicht, welche Änderungen die GEO-Redaktion gemacht hat (siehe PDF unten). Nur auf dieser Grundlage muss ich sagen: Jungblut schreibt gut, aber die Redigatur hat den Text besser, ein bisschen runder und präziser gemacht. Ich empfinde die Redigatur nicht als drastisch, da hatte ich etwas anderes erwartet. Der ganze Streit, so scheint es mir, ist überzogen.

Ein Problem ist es natürlich trotzdem, wenn ein Autor seinen Text - womöglich kurz vor Druck - zurückzieht. Eigentlich darf die Redaktion den Text dann nicht drucken. Anderseits kann man so etwas als Autor nicht wirklich bringen. Nicht wenn der Text schon druckfertig ist. Wobei, soweit ich die Chronologie nachvollziehen kann, hatte Jungblut den Text ja letztlich doch noch zum Druck freigegeben und nur auf seiner Fassung beharrt. Eine Redaktion hat aber das Recht auf Redigatur. Die Frage ist nur, wie nett sie das mit dem Autor abspricht und wie einsichtig dieser ist. In dieser Kommunikation lag offenbar das Problem - weniger im Text selbst.

Freitag, 15. April 2011

Die gescheiterte Königsmörderin

Strafanzeigen, Hausdurchsuchungen, Antisemitismus-Vorwürfe: Als Schatzmeisterin des DJV Berlin hat Jutta Rabe einen Kleinkrieg gegen ihre Vorstandskollegen geführt. Gestern wurde sie abgewählt. Für den Verband enden damit dunkle Jahre.

Schon mit ihren ersten Sätzen gibt Jutta Rabe einen Einblick in ihre Welt voller Verschwörungstheorien. Es sind ihre letzten Minuten als Schatzmeisterin des Deutschen Journalisten-Verbandes Berlin. „Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass, wie auch letztes Mal, so ein Schlägertrupp wieder im Saal ist. Die müssen entfernt werden. Ich bin beim letzten Mal angegriffen worden“, sagt Rabe. Zudem müssten auch „alle Handys und Computer abgegeben werden, damit nicht übers Internet nach draußen Verbindungen aufrecht erhalten werden“.

An den Angriff scheint nur sie sich zu erinnern. Der vermeintliche Schlägertrupp im Raum sind lediglich zwei Saalordner, welche die Katholische Akademie in Berlin-Mitte, in deren Räumen die außerordentliche DJV-Berlin-Mitgliederversammlung tagt, vorschreibt.

Gestern Abend ist Jutta Rabe von ihrem Amt als Schatzmeisterin mit 78 von 106 Stimmen und sieben Enthaltungen abgewählt worden. Ihre Nachfolgerin, die langjährige Fotografin der Berliner Morgenpost, Gabriele Fromm, erhielt 84 von 91 Stimmen, darunter ebenfalls sieben Enthaltungen: „Ich werde euch nicht enttäuschen", sagte Fromm.

Der große Knall

Was fast nach Verbandsroutine klingt, ist nicht weniger als das Ende eines jahrelangen Kampfes, eines Kampfes, an dem der DJV Berlin, der Gründerverband des DJV, beinahe zugrunde gegangen wäre. Der große Knall kam 2004. Die DJV-Zentrale in Bonn schloss den Landesverband Berlin und den Landesverband Brandenburg aus dem Dachverband aus und gründete zwei neue Landesverbände, die später zum DJV-Journalistenverband Berlin-Brandenburg (JVBB) fusionierten. Heute gibt es in Berlin und Brandenburg parallel existierende DJV-Verbände. Grund für den damaligen Ausschluss waren fragwürdige Vorstandswahlen. Stimmen sollen gekauft worden sein, Mitglieder von Brandenburg nach Berlin in großer Zahl transferiert worden sein. Nicht zuletzt wurden dem damaligen Vize-Vorsitzenden des DJV Brandenburg, Torsten Witt, rechtsradikale Verbindungen nachgesagt. Alexander Kulpok, damals DJV Berlin-Chef, der sich mit Hilfe von über Nacht nach Berlin gewechselten Brandenburger Mitgliedern wiedergewählt haben lassen soll, wurde obendrein vorgeworfen, den Verband kaputtgewirtschaftet zu haben. Vor seiner Amtsübernahme war der Landesverband Berlin einer der reichsten, als Kulpok 2005 abgewählt wurde, musste der Insolvenzverwalter kommen.

DJV Berlin-Mitglieder, die das Geschehen von Anfang an beobachtet haben, mutmaßen, dass Jutta Rabe vom früheren Verbandsvorsitzenden Alexander Kulpok dazu beauftagt worden war, den neuen Vorstand zu sabotieren. Ob mit Auftrag oder aus Eigeninitiative: Als Schatzmeisterin und Mitglied des Vorstands hatte Rabe genug Möglichkeiten. Und sie nutzte sie. So soll sie maßgeblich dazu beigetragen haben, die Fusion des DJV Berlin mit dem JVBB im vergangenen Jahr verhindert zu haben - indem sie Angst schürte, der JVBB sei nur auf das Verbandsvermögen aus.

Schlachten von gestern

Aber nicht genug: Den Vorsitzenden Peter Pistorius beschuldigte Rabe, antisemitische Äußerungen gemacht zu haben. Vor dem Landgericht Berlin musste sie dann in einem Vergleich zustimmen, diese Vorwürfe nicht mehr zu wiederholen. Dafür stellte sie gegen Pistorius Strafanzeige, weil dieser angeblich Verbandsgelder veruntreut haben sollte, worauf hin die Polizei vor drei Wochen die Geschäftsstelle des DJV Berlin und die Wohnung von Pistorius durchsuchte. Ohne Ergebnis.

Pistorius sagte dazu gestern Abend vor der Abwahl Rabes: „Die ganze Liste der Scheußlichkeiten möchte ich hier mit Rücksicht auf ihre Geduld und auf den guten Geschmack nicht präsentieren. Aber es muss jetzt Schluss sein mit der Raserei, die diesen Verband zu Grunde richtet. Im anmaßenden Opferton, den Frau Rabe ja so perfekt beherrscht, fantasiert sie immer noch von Enteignung, von Vernichtung des DJV Berlin, von Zwangsumsiedlung seiner Mitglieder, sie schlägt die Schlachten von gestern, um von den unerträglichen Zuständen abzulenken, die sie selber heraufbeschworen hat.“ Rabe wisse, wovon sie spreche, wenn sie von Untreue und vom Vorenthalten von Sozialversicherungsbeiträgen rede.

Dazu muss man wissen, dass Jutta Rabe 2008 vor ihrem Antritt als Schatzmeisterin vom Amtsgericht Potsdam wegen „Vorenthaltens von Arbeitsentgeld in 15 Fällen sowie wegen vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und wegen Untreue“ zu einer Geldstrafe verurteilt worden ist. Rabe ihrerseits warnte „dringend“ vor ihrer Abwahl, weil die Mitglieder dann die letzte Möglichkeit verlören, „dass sich wirklich jemand für diesen Verband einsetzt und eine Kontrollfunktion ausübt“. Kontrolle hat Jutta Rabe gerne, vor allem über Menschen und mediale Botschaften. Das hat sie auch als Dokumentarfilmerin bewiesen. In ihrer Berichterstattung für Spiegel TV über den Untergang der Estonia hat sie die These vertreten, die Fähre sei von Terroristen versenkt worden. Später wurde bekannt, dass Rabe sehr gute Verbindungen zum Hersteller der Fähre gehabt haben soll. Rabes Bombenanschlags-Theorie kam ihm sehr entgegen, weil sie Schuld ablenkte. Spiegel TV distanzierte sich, als die Verbindungen herauskamen, von Rabe. Der damalige Spiegel-Chef Stefan Aust sagte gegenüber expresso-guide.de: „Zu diesem Zeitpunkt wurde offenbar, dass Frau Rabe die Suche nach der Wahrheit als persönlichen Feldzug begreift und die Grenzen journalistischen Handelns verlässt.“

Auch gestern Abend kämpfte Jutta Rabe noch bis zuletzt um ihren Posten. Die beiden unabhängigen Anwälte, Cord Heinichen und Amadeus Meisse, die souverän durch die Versammlung leiteten, wollte Rabe verhindern. Ihre Handvoll Unterstützer torpedierten den Vorstand mit allerlei sinnlosen Anträgen. Rabe wollte gar den gesamten Vorstand abwählen lassen. Am Ende half ihr nichts. Nachdem das Wahlergebnis verkündet wurde, sagte sie, bevor sie mit ihren Unterstützern ging: „Ich möchte dem Verband wirklich alles, alles erdenklich gute wünschen.“ Geglaubt hat ihr das im Saal wohl niemand mehr.

Mittwoch, 30. März 2011

Frankfurter Rundschau verliert Eigenständigkeit

Für mich ist auch eine Meldung in eigener Sache: Die Frankfurter Rundschau verliert ihre Eigenständigkeit. Das meldet die Süddeutsche Zeitung: "Die überregionale Berichterstattung der Zeitung, das bestätigten am Mittwoch mehrere an ihrem Umbau beteiligte Personen, soll künftig komplett in der Hauptstadt bei der Berliner Zeitung gebündelt werden, die ebenfalls zur Verlagsgruppe M. DuMont Schauberg gehört. Die dort ansässige DuMont Redaktionsgemeinschaft beliefert das Blatt - wie den Kölner Stadtanzeiger und die Mitteldeutsche Zeitung - bereits seit vergangenem Jahr mit politischen Berichten von bundespolitischer Bedeutung."

Donnerstag, 24. März 2011

Das tolle unsägliche iTunes

Irgendwann werde ich zu irgend einer Apple-Zentrale fahren und alles kurz und klein schlagen. Gelten Apple-Geräte als Inbegriff der Nutzerfreundlichkeit so ist der iTunes-Store das volle Gegenteil. Irgendwann fing es an. Vor ein paar Jahren. Da hat sich auf einmal das Musikformat bei den Downloads geändert. Die Dateigröße wurde doppelt so groß und nach dem Download musste jedes Lied einzeln für mehrere Minuten auf mysteriöse Weise "bearbeitet" werden. Der Download eines einzelnen Albums dauert nun schnell mal 20 Minuten. Das ist in heutigen Zeiten vollkommen inakzeptabel. Jetzt gerade zum Beispiel bin ich auf dem Sprung, will nur noch ganz schnell ein Album runterladen, um es mitzunehmen. Und es dauert und dauert und dauert. Und das liegt nicht an meiner Internetverbindung. Nebeneffekt ist übrigens, dass sobald iTunes mit dem Herunterladen beschäftigt ist, der ganze Rechner super langsam wird. Das ist auch nicht normal. Wirklich, sobald es eine gute Alternative zu iTunes gibt, bin ich weg. Bei Amazon kann man ja auch schon Songs runterladen. Sogar ganz ohne Rechteschutz. Bloß leider erst sehr wenige.

In welchem Jahrhundert leben bloß die TV-Sender?



Vampir-Filme haben stehen nicht unbedingt im Ruf, anspruchsvoll zu sein. Erst Recht nicht nach Twilight. True Blood ist das Gegenteil. Eine Serie, wie es sie lange nicht mehr gab. In Deutschland sendet RTL2 die Serie seit dem 16. März aus, immer mittwochs um 22.15 Uhr. Aber jetzt mal ernsthaft: Wer schaut sich Serien noch im Fernsehen an?

Es tut mir immer Leid für die Sender und ich weiß, dass es natürlich ein Problem ist, wenn die Leute sich alle Serien nur noch kostenlos im Internernet anschauen. Aber alles andere ist doch mittlerweile völlig weltfremd. RTL2 müsste zumindest die Folgen für eine passable Gebühr als Online-Stream verfügbar machen. Aber das verstehen die Leute in diesem Business nicht, oder? Wo klemmt es eigentlich? Lohnt es sich einfach nicht, weil die Online-Rechte für mehrere Monate, wenn nicht unbefristet, zu teuer wären? Ich verstehe es nicht. Hier gibt es die Serie jedenfalls zu sehen: http://kino.to/Stream/True_Blood.html (am besten Megavideo)

Samstag, 19. März 2011

Kapitulation

Irgendwann ist es bei der Arbeitsbelastung und den Honoraren vieler journalistischer Tätigkeiten auch mal vorbei.

Libyen: Scham für die deutsche Feigheit

Karl Grobe, Redakteur a. D. der Frankfurter Rundschau, schreibt in einem Leitartikel: "Der Beschluss, sich nicht am Krieg [in Libyen] zu beteiligen, ist und bleibt richtig. [...] Da schwingt die Einsicht mit, was der nun zehnjährige Krieg in Afghanistan bewirkt hat."

In Afghanistan sind allerdings die USA eingefallen, weil sie sauer auf die Taliban waren, auf Gaddafi ist der Westen nicht sauer, er ist empört über ihn. Die Afghanen haben auch nicht selber versucht, ihr Land zu befreien. Und wer sagt, dass nach einer deutschen Beteiligung in Libyen die Bundeswehr zehn Jahre dort stationiert sein müsste? Das eine muss eben nicht zum anderen führen. Das denken nur Menschen ohne Rückgrat. Und wo ist der Vergleich? Gibt es Taliban in Libyen? Der Einsatz ähnelt wohl eher dem Kosovo-Einsatz.

Die schwarz-gelbe deutsche Regierung geht mal wieder den butterweichen Weg, bloß keinen Ärger einhandeln. Wieso glaube ich, dass selbst eine grüne Regierung anders entschieden hätte? Die Weltgemeinschaft kann froh sein, dass Sarkozy Haltung hat. Man kann viel an ihm kritisieren, aber in diesen Tagen, steht er für die einstige Größe Frankreichs. Deutschland hingegen wird zum Spott seiner selbst und der Werte, die es so hochhält. Ich schäme mich für meine Regierung.

Nachtrag: 17.10 Uhr: Frankreich verteidigt mit Kampfjets die Stadt, viele andere Länder wollen auch helfen. Deutschland schaut zu. Vielleicht besser so, sonst lässt ein deutscher Oberst am Ende wieder Bomben auf Tanklastzüge und 100 Zivilisten fallen.

Donnerstag, 17. März 2011

Bleibt Gaddafi?

Lässt der Westen wirklich zu, dass Gaddafi Libyen zurückerobert? Lassen wir es zu, dass unsere Regierungen nicht handeln?

Mittwoch, 16. März 2011

Wir arme 30-Jährige

Zufällig gerade über die Videoreihe von Spiegel Online gestolpert: "Die 30-Jährigen - eine Generation auf der Suche". So langsam reicht es mir mit diesen Beiträgen über die armen, armen 30-Jährigen meiner Generation, die wir behütet aufgewachsen sind, das Studium finanziert bekommen haben, uns entfalten und entwickeln konnten wie wir wollten - es aber eigentlich ungeheuer schwer haben. Und dann noch diese böse beschleunigte Welt mit all den verwirrenden Möglichkeiten des digitalen Zeitalters, dazu die Globalisierung, die uns Fabrikarbeitern im Geiste die Jobs wegnimmt. Es ist schon schwer, wenn man sich entscheiden muss, ob man Nachwuchs haben oder lieber erst noch eine Indienreise machen möchte. Ja, wir sind schon eine besonders gepeinigte Generation.

Dienstag, 15. März 2011

AKW-Populismus

Sieben deutsche Atomkraftwerke werden vorübergehend abgeschaltet. Was für politischer Populismus. Etwas sinnloseres habe ich noch nicht gehört. Auf einmal sind die AKWs nicht mehr sicher, oder wie? Wenn schon dann bitte, insofern versorgungstechnisch möglich, komlett und dauerhaft vom Netz nehmen, wie es mit Biblis A geschieht.

Sonntag, 13. März 2011

Japan

Das Ausmaß der Tsunami-Katastrophe von Japan macht sprachlos und der Höhepunkt dürfte noch nicht einmal erreicht sein. Vorgestern war von weniger als 100 Toten die Rede, jetzt bereits von 10.000. Alleine die Zahl der Einzeltragödien ist nicht zu erfassen. Ein Schiff mit 80 Passagieren: verschwunden. Ein ganzer Zug: verschwunden. 200-300 tote Kinder im Meer. Reaktorunfälle. Die Bewohner ganzer Städte werden panisch geflüchtet sein. Japan dürfte den Rest des Jahres in den Medien bleiben. Wie werden die Reporter der großen deutschen Häuser damit umgehen? Viele dürften schon ihre Koffer gepackt haben, etliche sind bereits da. Doch wie verschafft man sich überhaupt einen Überblick inmitten solch einer nationalen Katastrophe?

Spiegel-Bangkok-Korrespondent Thilo Thielke landete schon am Samstagnachmittag Ortszeit in Tokio - als die Reaktorhülle von Fukushima 1 explodierte.

Spiegel-Chefredakteur Georg Mascolo hat derweil den Druck des Blattes gestoppt, um noch einmal die Titelgeschichte zu ändern. Wann gab es das schon mal beim Spiegel?

Mittwoch, 9. März 2011

Migranten für die Medien: Journalismus-Ausbildung am Bildungswerk Kreuzberg

Am 30. November 2010 hat das Bildungswerk Kreuzberg (BWK) in Berlin den ersten Jahrgang der Bikulturellen Crossmedialen Fortbildung für Migranten in die Arbeitswelt entlassen. Projektleiter Uwe Schulte über neue Leserschaften, Konflikte im Unterricht und warum die Ausbildung schon wieder vor dem Aus steht.

(Dieses Interview erschien in stark gekürzter Fassung im Dezember 2010 in Medium Magazin).


Uwe SchulteHerr Schulte, wozu braucht es eine Journalistenschule für Menschen mit Migrationshintergrund?

Wenn die Demokratie Ernst genommen werden soll, müssen die Medien die Realität so wiedergeben, wie sie von der Bevölkerung wahrgenommen wird. Jeder Fünfte in Deutschland hat einen Migrationshintergrund, aber nur rund eineinhalb Prozent der Journalisten.

Das mag sein, aber Menschen mit Migrationshintergrund können doch auch andere Journalistenschulen besuchen oder den Berufseinstieg über Praktika und Volontariate finden.

Wenn Sie diese Schulen fragen, sagen die, es bewerbe sich niemand entsprechendes bei ihnen. Vielleicht fehlt der Mut, aber wir müssen dann fragen, warum das so ist und ob das tatsächlich nur an den Bewerbern liegt.

Oder die Nachfrage ist nur politisch gewollt.

Für den aktuellen Jahrgang hatten wir 250 Bewerbungen.

Und wie interessiert sind die Verlage und Rundfunkhäuser?

Bei Axel Springer suchen sie gerade händeringend nach Journalisten mit türkischem Hintergrund, um die entsprechende Leserschaft zu erschließen. Die Nachfrage steigt. Je mehr Migranten nicht nur in Alibi-Funktionen im Fernsehen zu sehen sind, sondern substantielle Berichterstattung machen, desto mehr werden folgen.

Ist es nicht paradox, dass gerade Springer so sehr nach türkisch-stämmigen Journalisten sucht, obwohl die Bild-Zeitung, das prominenteste Blatt des Konzerns, gerne Titel schreibt wie: "Zu viele junge Ausländer sind kriminell" oder "Die bittere Wahrheit über Ausländer und Hartz IV"?

Ja. Herr Diekmann würde das allerdings anders sehen und sagen: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“

Der erste Journalisten-Jahrgang am BWK ist gerade fertig. Wie ist ihr Fazit?

Eine unserer Absolventinnen, Marianna Mamonova, hat gerade den Kausa-Medienpreis in der Kategorie Hörfunk gewonnen. Eine andere Absolventin arbeitet zurzeit als Schlussredakteurin beim ZDF. Manche haben Angebote von Radiosendern oder TV-Produktionsfirmen oder für Volontariate. Wieder andere machen noch Praktika. Aber selbstverständlich sind auch einige ohne realistische Perspektive geblieben.

Im Schnitt klingt das nach einem guten Ergebnis.

Ja, aber wenn die Jobcenter uns nicht stärker entgegenkommen, wird es so keinen dritten Jahrgang geben.

Bitte?

Die Schule finanziert sich über den sogenannten Bildungsgutschein. Im aktuellen Jahrgang haben aber nur halb so viele Schüler wie im Jahr davor einen Gutschein bekommen.

Ist der nicht nur für unqualifizierte Arbeitslose?

Einen Bildungsgutschein können Sie auch bekommen, wenn Sie im Arbeitsleben stehen, aber von Arbeitslosigkeit bedroht sind. Überall wo Bildungsbedarf notwendig erscheint, kann ein Gutschein vergeben werden.

Sie setzen bei Ihren Bewerbern Hochschulerfahrung voraus. Und diese Universitätsabsolventen müssen dann zum Jobcenter gehen und Arbeitslosengeld II samt Bildungsgutschein beantragen?

Ohne Hochschulbildung wird es schwer, journalistisch Fuß zu fassen. Insbesondere als Quereinsteiger. Allerdings ist der mit Abstand überwiegende Teil der Bewerber ohnehin als arbeitslos oder arbeitsuchend gemeldet. Den Gutschein kann man zudem auch ohne Arbeitslosengeld erhalten.

Fehlt ein alternatives Finanzierungskonzept?

Jetzt werfen Sie uns den Ball zu, aber wir haben die Ausbildung auf konkreten Hinweis der Arbeitsagentur und der Bundesbeauftragten für Migration, Maria Böhmer, gegründet. Wir glaubten dass uns Arbeitsagenturen und Jobcenter die nötigen Mittel zukommen lassen. Die politischen Entscheidungsträger sind aber nicht die Sachbearbeiter, die über jeden Gutschein entscheiden.

Kann man die Ausbildung nicht selber bezahlen?

Doch, sie kostet 12.000 Euro für 15 Monate.

Müssen Sie gute Bewerber ablehnen, weil diese den Bildungsgutschein nicht bekommen haben?

Ja, eine große Anzahl. Wir nehmen gute Bewerber im Zweifel zwar erstmal auf, aber viele brechen dann ab, weil die Situation prekär ist und sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten können.

Wie viele Schüler sind im aktuellen Jahrgang?

Wir haben nach dem Assessmentverfahren 25 Bewerbern einen Platz angeboten, davon hatten acht einen Bildungsgutschein. Nun sind noch 16 dabei, zwölf sind finanziert. Ich kann diese Sachbearbeiter aber teilweise verstehen. Es ist schwer vermittelbar, jemandem, der schon einen oder mehrere Hochschulabschlüsse hat, einen teuren Bildungsgutschein hinterher zu werfen. Trotzdem, dass wir von 23 Schülern mit Gutschein im letzten Jahrgang auf zwölf runterbrechen, war nicht zu erwarten.

Und nun?

Der Kurs trägt sich so nicht mehr. Er ist für knapp 20 Leute konzipiert. Wir sind nach wie vor eine GmbH und können das nicht subventionieren.

Schmeißen Sie die vier ohne Gutschein raus?

Das bringe ich nicht übers Herz. Wir wenden uns jetzt an Stiftungen und hoffen, noch ein, zwei Kostenübernahmen zu bekommen.

Warum sagen Sie nicht, dass nur anfangen darf, wer bereits einen Gutschein hat?

Dann hätten wir mit der Ausbildung gar nicht starten können, weil noch so viele zu Beginn keinen Gutschein hatten.

Können Sie von der Migrationsbeauftragten Böhmer nicht mehr Mittel bekommen?

Sie hat kaum Mittel. Sie bräuchte dafür ein Budget. Das Bildungsministerium könnte auch etwas machen. Oder eine Co-Finanzierung durch die Europäische Union wäre eine Idee.

Sie sagten, Sie hätten die Ausbildung auf politischen Wunsch hin gegründet. Wie war das genau?

Die Idee kam von Maria Böhmer am Rande des Integrationsgipfels 2007. Auch Heinrich Alt, Mitglied des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit und der emeritierte Journalistik-Professor von der Universität Dortmund, Ulrich Pätzold, haben dem zugestimmt. Pätzold leitet unsere Ausbildung nun inhaltlich. Böhmer war besorgt, dass es so wenige Journalisten mit Migrationshintergrund gebe. Nihat Sorgeç, Geschäftsführer des Bildungswerks, der solche Ideen immer sehr schnell aufgreift, sagte, wir könnten am BWK eine Journalistenausbildung für Menschen mit Migrationshintergrund aufbauen.

Sie bilden hier aber überwiegend Jugendliche mit Migrationshintergrund für Handwerksberufe aus.

Das war eine echte Zäsur. Wir hatten die Strukturen für eine solche Ausbildung für Akademiker nicht. Also haben wir sie eingekauft, beim Weiterbildungs-Zentrum Haus Busch in Hagen, mit guten Dozenten und Beratern. Die haben das Curriculum entworfen und die ersten Strukturen geschaffen. Es gab natürlich auch Startschwierigkeiten. Heute stehen wir auf eigenen Beinen.

Wer unterrichtet bei Ihnen?

Daniela Milutin vom WDR ist für die Radioausbildung verantwortlich, Christian Keller vom WDR fürs Fernsehen, Fanny Facsar vom ZDF für Online und Ulrich Pätzold für Print. Dazu kommen viele Dozenten von unseren Partnern.

Wer sind Ihre Partner?

Der RBB, das ZDF, der Tagesspiegel, die taz, der freitag, Radio Bremen, Zitty, Zeit Online, Der Spiegel (Berlin), die dpa, die Berliner Zeitung, Radio MetropolFM, Hürriyet und Sabah, Axel Springer kommt gerade dazu, die Pressestelle des Bundesministeriums für Bildung und der Integrationsbeauftragten und einige andere.

Nehmen Sie nur Menschen mit Migrationshintergrund oder auch zugezogene Ausländer auf?

Sowohl als auch.

Wie wichtig ist die Deutsche Sprache?

Wir bestehen auf sehr guten Deutschkenntnissen. In einem Fall haben wir eine Ausnahme bei einem Bewerber mit türkischem Hintergrund gemacht, der für türkische Zeitungen in Deutschland arbeiten möchte.

Wie setzen sich die Jahrgänge zusammen?

Im ersten Jahrgang hatten wir unter anderem eine türkische Gruppe, eine hispanische, Nah-Ost-Araber, Polen und Russen. Jetzt sind wir sehr kerneuropäisch und haben vor allem Schüler aus Italien, Polen, Kroatien, Frankreich, England und der Türkei. Die meisten sind um die 30. Unser Alters-Obergrenze ist bei Anfang 40.

Bringen so viele Kulturen nicht Spannungen mit sich?

Oh ja! Im ersten Jahr hatten wir in jeder religiösen, politischen, geografischen und sexuellen Hinsicht Frontverläufe. Aber das schärft auch die Argumentationen.

Interview: Jan Söfjer


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Uwe Schulte, 43, Dipl.-Politologe und Weiterbildungsmanager hat zehn Jahre lang in der organisatorischen Leitung privater Hochschulen gearbeitet. Seit vergangenem Jahr ist er Projektleiter für die Journalistenausbildung für Migranten am Bildungswerk Kreuzberg (BWK) und verantwortet internationale Bildungsprojekte des Hauses. Das BWK kümmert sich seit 25 Jahren vor allem um die Ausbildung von Jugendlichen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt keinen Ausbildungsplatz bekommen.


Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine sehr gute...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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