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poeten

Donnerstag, 13. Mai 2010

Der Weg zurück

Wir haben uns alles anders vorgestellt. Wir haben geglaubt, mit gewaltigem Akkord würde ein starkes intensives Dasein einsetzen, eine volle Heiterkeit des wiedergewonnenen Lebens: so wollten wir beginnen. Aber die Tage und Wochen zerflattern unter unseren Händen, wir verbringen sie mit belanglosen, oberflächlichen Dingen, und wenn wir uns umsehen, ist nichts getan. Wir waren gewohnt, kurzfristig zu denken und zu handeln - eine Minute später konnte immer alles aus sein. Deshalb geht uns jetzt das Dasein zu langsam, wir springen es an, aber ehe es zu sprechen und zu klingen beginnt, haben wir schon wieder davon abgelassen. Wir hatten zu lange den Tod als Genossen; der war ein schneller Spieler, und es ging jede Sekunde um höchsten Einsatz. Das hat uns etwas Sprunghaftes, Hastiges, auf den Augenblick Bedachtes gegeben, das uns jetzt leer macht, weil es hierher nicht mehr paßt. Und diese Leere macht uns unruhig, denn wir fühlen, daß man uns nicht versteht und daß selbst Liebe uns nicht helfen kann. Es klafft eine unüberbrückbare Kluft zwischen Soldaten und Nicht-Soldaten. Wir müssen uns selber helfen.

Doch in unsere unruhigen Tage grollt und murrt oft sonderbar noch etwas anderes hinein - wie fernes Dröhnen von Geschützen - wie eine dumpe Mahnung hinter dem Horizont, die wir nicht zu deuten wissen, die wir nicht hören wollen, von der wir uns abwenden, immer in der seltsamen Furcht, etwas zu versäumen - als liefe uns etwas davon. Zu oft schon lief uns etwas davon - und manchem nichts Geringeres als das Leben. - Erich Maria Remarque, Der Weg Zurück.

Donnerstag, 2. Juli 2009

Hemingway: der Tod des alten Mannes

Heute vor 48 Jahren gegen 7 Uhr morgens geht Ernest Hemingway in seinen Lagerraum und lädt eine großkalibrige doppelläufige Schrotflinte, die er sonst zum Tontaubenschießen verwendet. Seine Frau schläft noch.

Hemingway ist 61 Jahre alt, psychisch und körperlich ein Wrack. Er ist stark depressiv, fühlt sich verfolgt, hat Diabetes, Arteriosklerose, eine entzündete Aorta, einen Blutdruck von 250 zu 125 sowie einen Cholesterinwert von 380. Sein Leben als Draufgänger, Flugzeugabstürze, Unfälle und der exzessive Alkoholkonsum haben ihn dazu gemacht.

Hemingway gab sich immer als Draufgänger, wollte immer dahin, wo es knallt, immer an die Kriegsschauplätze, wollte sich immer beweisen. Provozierte man ihn, überrollte er einen. Aber hinter dem Getöse steckte ein verunsicherter Mensch, einer, der ständig damit rechnete, dass ihm das Leben wieder eins auswischte, der nicht untergehen wollte, der von Selbstzweifeln geplagt war. Ein sensibler Mensch auf der Suche nach Bestätigung.

Am 2. Juni 1961 hat er zwei Selbstmordversuche hinter sich, wollte sich aus einem Flugzeug stürzen. Er landet in einem Krankenhaus auf einer Station für Suizidgefährdete. Er hat furchtbare Angst dort zu verrecken. Er, der immer die Oberhand behalten wollte, will auch dem Tod auf Augenhöhe begegnen und schafft es, den Ärzten vorzugaukeln, ihm gehe es besser.

Hemingway geht mit der Waffe in die Diele. Wahrscheinlich steckt er sich das Gewehr in den Mund, wie er es so oft seinen Gästen vorgemacht hat, aber dieses Mal ist es kein Spaß. Er drückt ab.

Montag, 22. Juni 2009

Zum Geburtstag Erich Maria Remarques

Auf die Minute genau vor 111 Jahren wurdest Du geboren. Im kleinbürgerlichen Osnabrück in einfachsten Verhältnissen. Du hast Deine Heimat nie abschütteln, nie vergessen können, auch, wenn Du zum Weltbürger gemacht und ins Exil getrieben wurdest, auch, wenn Du das Kleinbürgerliche verachtest hast und Frauen wie Marlene Dietrich an Deiner Seite waren. Deine Wurzeln blieben immer in der deutschen Provinz, im Pappelgraben hinter der Stadtmauer und in der Traumbude des Bohemien Fritz Hörstemeier.

Deine Jugend hast Du im ersten Weltkrieg verloren, auch, wenn Du nur kurz an der Front warst. Du hast die radikale politische Verführung und den Krieg als das begriffen was sie waren: als sinnloses gegenseitiges Aufhetzen und als gegenseitiges Ermorden ängstlicher junger Männer, denen ihr Vorgesetzter ein größerer Feind war als der Fremde im anderen Graben.

Wenige hatten den Mut, Charakter und Verstand, Dich zu loben. Die meisten haben Dich angegriffen, kritisiert und in den Dreck gezogen, dabei hast Du immer nur mit sicherem Zeitgeistgefühl und großem Können das aufgeschrieben, was war - sei es im Roman "Im Westen nichts Neues"* oder in jedem Werk danach. Nie hast Du Dich wichtig gemacht, immer nur mit warmherzigem, sensiblem und humanistischem Ton am Leben festgehalten. Du warst berühmt und vermögend, ein Dandy, aber nie arrogant. Du warst wie die jungen Männer in Deinen Büchern: irgendwie immer einsam und voller existenzieller Selbstzweifel. Wirklich wohl gefühlt hast Du Dich vielleicht nur in alkoholgeschwängerten Nächten mit einfachen Menschen philosophierend. Du bist das Gegenteil von den Möchtegernstars von heute, Du bist wie Dein Werk: unsterblich und immer ein Vorbild. Alles Gute zum Geburtstag, Erich!

*Hier oder hier kann man "Im Westen nichts Neues" lesen oder sich ausdrucken!

Dienstag, 10. März 2009

Geschichtenerzähler


Wer seine Geschichte nicht erzählen kann, existiert nicht.

- Sir Salman Rushdie in einem FR-Interview

Sonntag, 1. März 2009

Der Wahnsinn und die Musik

Wer hat sich noch nicht gewünscht, so wundervoll singen zu können wie ein verehrter Musiker? Man hätte auch gerne eine so schöne Stimme. Aber darauf kommt es gar nicht an. Schön singen zu können, ist für einen Sänger so wichtig wie für einen Schauspieler gut auszusehen. Übertrieben gesagt, klar. Aber trotzdem. Wie viele Sternchen und Möchtegerns gibt es, die ganz nett singen können? Und das mag auch reichen für eine Feier daheim, aber diese Menschen sind keine Musiker. Keine Singer-Songwriter oder sonstwas. Beim Journalismus oder der Schriftstellerei geht es schließlich auch nicht darum, nur schön schreiben zu können. Schöne aber sinnlose Sätze.

Ein Songwriter, ein Musiker braucht eine Botschaft, eine Intensität, seine Musik ist eine Sprache und er kann nicht anders als zu erzählen, erzählen zu müssen. Es ist die besondere Wahrnehmung, die ihn auszeichnet, die besondere Empfindsamkeit, die ihn umtreibt, sein Gefühls-Tohuwabohu, welches aus ihm heraus bricht. Einer, bei dem man dieses gut beobachten kann, ist Damien Rice. Es sind die stillen Momente, wenn er in sich zurückgezogen, man möchte fast sagen autistisch, vor sich hinsummt, genauso wie lauten Momente, die Schreie, wenn Rice seinen Wahnsinn in die Tasten des Klaviers prügelt. No, no, no.



Samstag, 22. November 2008

Jack London stirbt

londonVor genau 92 Jahren, am 22. November 1916, geht der Lebenskampf eines Weltliteraten zu Ende. Jack London stirbt.

Der große Klondike-Abenteurer hat seit längerem ein Nierenleiden. Mit Morphium versucht er seine Schmerzen zu lindern. Es ist unklar, ob er an seinem letzten Abend, bewusst oder unbewusst, eine Überdosis genommen hat.

Seine Frau Charmian und die Bediensteten finden ihn am Morgen mit blau angelaufenem Gesicht. Neben ihm zwei leere Phiolen.

"Sie flößen ihm Kaffee ein, massieren ihn, aber er wacht nicht auf. Sie bringen ihn in Charmians Glasveranda, legen ihn dort auf ihr Bett. Vier Ärzte eilen herbei, versuchen stundenlang, ihn ins Leben zurückzuholen. Einer brüllt: 'Der Damm ist gebrochen!'

Einmal noch krümmen sich Jacks Finger, als wollte er eine Faust bilden, und die Hand schlägt schwach auf die Matratze. 'Der Tod ist süß', hatte Jack einmal zu Charmian gesagt. 'Der Tod ist Ruhe. Denk nur! - für immer zu ruhen! Ich verspreche dir, wann und wo auch immer der Tod mich holen kommt, werde ich ihn mit einem Lächeln begrüßen.'

Auf seinem fahlen Gesicht liegt nun, so wird es seine Frau erzählen, tatsächlich ein Lächeln.

Draußen versinkt die Beauty Ranch in der Nacht. Um 19.45 Uhr hört sein Herz auf zu schlagen. Der unbesiegbare Jack London, den keine Welle, kein Frost, kein Hieb kleinkriegen konnte, er ist tot." *

* Aus dem Buch: Wilde Dichter: Die größten Abenteurer der Weltliteratur

Mittwoch, 22. Oktober 2008

Christian Kracht in Mainz

Vorgestern bei einer Lesung von Christian Kracht gewesen. Kracht, das ist ein ehemaliger Pop-Literat und vermeintlicher Dandy, der sich jedes Mal entschuldigt, wenn er sich beim Vorlesen verspricht. Doch vor allem war ich erstaunt, dass er dann wirklich vor mir saß im Kuz in Mainz.

Kracht, so hörte ich schließlich, sei ein medialer Geist, wohne angeblich in Argentinien, weilte die Tage in Malawi und hatte einmal eine deutsche Literatur-Zeitung mit Redaktionssitz in Kathmandu herausgegeben. Dafür, dass er so gut wie keine Interviews gibt, wird jedoch erstaunlich viel über ihn berichtet. Quer durch alle Feuilletons. Am besten ist die Portrait-Rezension im Spiegel von Philipp Oehmke.

Dann also huscht er in seinem beigen Übermantel an mir vorbei. Setzt sich hin. Schwarz geränderte Brille auf die Nase. "Hallo, ich lese dann mal gleich los." Und los geht es mit dem Kracht-Sound, dem sich selbst die Zeit unterordnet (eine Stunde vergehen wie gefühlte 20 Minuten). Er spricht ein bisschen heiser und recht leise obendrein, doch durch die Mikrofon-Verstärkung ist er nah bei einem, fast wie ein Vater am Bettrand.

Der Inhalt seines Buches "Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten" passt da vermeintlich gar nicht zu: eine alternative Gegenwart. Lenin hat die Schweiz damals nicht im verplombten Zug verlassen. Auf der ganzen Welt herrscht Krieg. Seit fast 100 Jahren. Im Mittelpunkt des Buches steht vor allem der Kampf der Schweizerischen Sowjetrepublik gegen die deutsch-britischen Faschisten. Dazu Luftschiffe im ewigen Schweizer Winter und Maschinengewehre auf Pferden. Und das alles geschrieben in einer präzise scharfen Sprache, die mit der von Ernst Jünger verglichen wird. Kracht klingt aber nicht bedrohlich. Sein Klang ist warm und einfühlend. Aber hört am besten selbst ...

Montag, 19. Mai 2008

Mezzogiorno

Mit Dank an Uta für die Empfehlung

Du hast mir das Meer gezeigt:
es glänzte nicht. Am Strand lagen
Fische und lehrten die Steine
was es heißt tot zu sein. Wir haben
trotzdem die Autotüren geöffnet
und dein Mund schmeckte noch immer
wie vor zweitausend Jahren.

Hans Ulrich Treichel

Montag, 21. Januar 2008

Regenblüten

Regenblüten keimen nachts
auf euern Gräbern
und mit den Federn
die der Wind entfacht
streicht zielbewusst das Feuer um die Zedern

Anabel W.

Montag, 7. Januar 2008

Ich bin so jung

Mit liebem Dank an Eva

Ich bin so jung. Ich möchte jedem Klange,
der mir vorüberrauscht, mich schaudernd schenken,
und willig in des Windes liebem Zwange,
wie Windendes über dem Gartengange,
will meine Sehnsucht ihre Ranken schwenken,

Und jeder Rüstung bar will ich mich brüsten,
solang ich fühle, wie die Brust sich breitet.
Denn es ist Zeit, sich reisig auszurüsten,
wenn aus der frühen Kühle dieser Küsten
der Tag mich in die Binnenlande leitet.

Rainer Maria Rilke


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Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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