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Poeten

Donnerstag, 13. März 2008

Der sanfte Bukowski

Die Nacht, die LichterClemens Meyer hat den Preis der Leipziger Buchmesse (Belletristik) gewonnen. Mann, hab ich mich gefreut. Und wie könnte man sich nicht freuen über einen Menschen, der so ehrlich jubelt (Bild)?

Bin vor ein, zwei Wochen auf ihn gestoßen (kurz bevor er überall in den Feuilletons auftauchte) und habe mir sein neues, zweites Buch "Die Nacht, die Lichter" zum Geburtstag gewünscht.

Die FAZ nannte ihn "Den Zauberer von Leipzig-Ost". Und ja, er ist ein Zauberer. Ein sanfter Bukowski. Den Preis hat wirklich verdient. Und obendrein haben mir seine Geschichten Mut gemacht, mehr zu meinem eigenen literarischen Stil zu stehen. Alles gute Mann!

PS: Hier eine kleine Leseprobe aus seiner Geschichte: Der kleine Tod:

"Mach's gut", sagt sie und nimmt ihre Tasche vom Bett. Ich nicke, und sie geht. Ich höre sie auf dem Wohnungsflur, ich habe dort kein Licht, und sie braucht eine Weile, bis sie die Tür findet. Ich drehe mich an die Wand, aber sie macht die Wohnungstür ganz vorsichtig zu. Das gehen, der Abschied, die Hand, die an der Schulter und am Arm ins Leere gleitet, das Liegenbleiben. Und die Träume, der kleine Tod. Nein der Tod ist später, wenn du allein bist und niemand mehr kommt.
PPS: Hier noch ein klasse Interview mit ihm. Das hervorragende Spiegel-Portrait über ihn (aktuelle Ausgabe) kann man leider nicht online lesen. Aber wer sehen möchte, wie lässig durch der Gute ist, kann bei Youtube schauen, wie Meyer ne Theologen-Party aufmischt und seine sakralen Tätowierungen zeigt.

Nachtrag: Bei MDR kann man sich ein Interview mit Meyer anhören. Sehr lässig.

Montag, 21. Januar 2008

Regenblüten

Regenblüten keimen nachts
auf euern Gräbern
und mit den Federn
die der Wind entfacht
streicht zielbewusst das Feuer um die Zedern

Anabel W.

Montag, 7. Januar 2008

Ich bin so jung

Mit liebem Dank an Eva

Ich bin so jung. Ich möchte jedem Klange,
der mir vorüberrauscht, mich schaudernd schenken,
und willig in des Windes liebem Zwange,
wie Windendes über dem Gartengange,
will meine Sehnsucht ihre Ranken schwenken,

Und jeder Rüstung bar will ich mich brüsten,
solang ich fühle, wie die Brust sich breitet.
Denn es ist Zeit, sich reisig auszurüsten,
wenn aus der frühen Kühle dieser Küsten
der Tag mich in die Binnenlande leitet.

Rainer Maria Rilke

Sonntag, 4. November 2007

When We Two Parted

When we two parted
In silence and tears,
Half broken-hearted
To sever for years,
Pale grew thy cheek and cold,
Colder thy kiss;
Truly that hour foretold
Sorrow to this.

The dew of the morning
Sunk chill on my brow--
It felt like the warning
Of what I feel now.
Thy vows are all broken,
And light is thy fame;
I hear thy name spoken,
And share in its shame.

They name thee before me,
A knell to mine ear;
A shrudder comes o'er me--
Why wert thou so dear?
They know not I knew thee,
Who knew thee so well--
Long, long I shall rue thee,
Too deeply to tell.

In secret we met--
In silence I grieve,
That thy heart could forget,
Thy spirit deceive
If I should meet thee
After long years,
How should I greet thee?--
With silence and tears.

Lord Byron

Von der Fremdheit

Einsamkeit

Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.

Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...

Rainer Maria Rilke, Paris, 1902

PS: Hier habe ich "Einsamkeit" eingsprochen.


Entfremdung

In den Bäumen kann ich keine Bäume mehr sehen.
Die Äste haben nicht die Blätter, die sie in den Wind halten.
Die Früchte sind süß, aber ohne Liebe.
Sie sättigen nicht einmal.
Was soll nur werden?
Vor meinen Augen flieht der Wald,
vor meinem Ohr schließen die Vögel den Mund,
für mich wird keine Wiese zum Bett.
Ich bin satt vor der Zeit
und hungre nach ihr.
Was soll nur werden?

Auf den Bergen werden nachts die Feuer brennen.
Soll ich mich aufmachen, mich allem wieder nähern?

Ich kann in keinem Weg mehr einen Weg sehen.

Ingeborg Bachmann

Montag, 15. Oktober 2007

Yeats

Man kann sich gar nicht genug mit Literatur befassen. Kürzlich habe ich mir beim englischen Buchhändler meines Vertrauens ein Gedichtband mit Stücken aus dem frühren Zwanzigten Jahrhundert gekauft. Aber eigentlich wollte ich nur ein paar ausgewählte Gedichte von William Butler Yeats haben. Auf Papier. Denn online in Gedichtbänden stöbern geht nicht. Da fehlt die Ruhe und Muße.

Aufmerksam geworden auf Yeats bin ich durch den sehr guten Film "Sylvia", einer Biografie über die Dichterin Sylvia Plath, gespielt von Gwyneth Paltrow. Ihr Ehemann jedenfalls, Ted Hughes, wird von Daniel Craig gespielt und in einer Szene liest er dieses Gedicht von Yeats mit sehr beeindruckender Stimme auf einer Versammlung vor. Leider konnte ich diese Szene bei You Tube nicht finden, aber ich denke, es wird euch auch so gefallen. Ps: Einzelne Wörter könnt ihr bei leo übersetzen.


The Sorrow of Love

by: W.B. Yeats

The quarrel of the sparrows in the eaves,
The full round moon and the star-laden sky,
And the loud song of the ever-singing leaves,
Had hid away earth's old and weary cry.

And then you came with those red mournful lips,
And with you came the whole of the world's tears,
And all the sorrows of her labouring ships,
And all the burden of her myriad years.

And now the sparrows warring in the eaves,
The curd-pale moon, the white stars in the sky,
And the loud chaunting of the unquiet leaves
Are shaken with earth's old and weary cry.

Montag, 8. Oktober 2007

Shelley

Ich glaube, ein kunstvolleres Gedicht als das von Shelley habe ich noch nicht gelesen - und ich bedaure es zutiefst, dass ich das Englische nicht so perfekt beherrsche, um die ganze sprachliche Virtuosität dieser Ode zu erfassen. PS: Eine gute poetische Übersetzung gibt es hier, aber natürlich kann sie das Original nicht ersetzen.


Ode to the West Wind
Percy Bysshe Shelley

I
1 O wild West Wind, thou breath of Autumn's being,
2 Thou, from whose unseen presence the leaves dead
3 Are driven, like ghosts from an enchanter fleeing,

4 Yellow, and black, and pale, and hectic red,
5 Pestilence-stricken multitudes: O thou,
6 Who chariotest to their dark wintry bed

7 The winged seeds, where they lie cold and low,
8 Each like a corpse within its grave, until
9 Thine azure sister of the Spring shall blow

10 Her clarion o'er the dreaming earth, and fill
11 (Driving sweet buds like flocks to feed in air)
12 With living hues and odours plain and hill:

13 Wild Spirit, which art moving everywhere;
14 Destroyer and preserver; hear, oh hear!

II
15 Thou on whose stream, mid the steep sky's
commotion,
16 Loose clouds like earth's decaying leaves are shed,
17 Shook from the tangled boughs of Heaven and Ocean,

18 Angels of rain and lightning: there are spread
19 On the blue surface of thine aëry surge,
20 Like the bright hair uplifted from the head

21 Of some fierce Maenad, even from the dim verge
22 Of the horizon to the zenith's height,
23 The locks of the approaching storm. Thou dirge

24 Of the dying year, to which this closing night
25 Will be the dome of a vast sepulchre,
26 Vaulted with all thy congregated might

27 Of vapours, from whose solid atmosphere
28 Black rain, and fire, and hail will burst: oh hear!

III
29 Thou who didst waken from his summer dreams
30 The blue Mediterranean, where he lay,
31 Lull'd by the coil of his crystàlline streams,

32 Beside a pumice isle in Baiae's bay,
33 And saw in sleep old palaces and towers
34 Quivering within the wave's intenser day,

35 All overgrown with azure moss and flowers
36 So sweet, the sense faints picturing them! Thou
37 For whose path the Atlantic's level powers

38 Cleave themselves into chasms, while far below
39 The sea-blooms and the oozy woods which wear
40 The sapless foliage of the ocean, know

41 Thy voice, and suddenly grow gray with fear,
42 And tremble and despoil themselves: oh hear!

IV
43 If I were a dead leaf thou mightest bear;
44 If I were a swift cloud to fly with thee;
45 A wave to pant beneath thy power, and share

46 The impulse of thy strength, only less free
47 Than thou, O uncontrollable! If even
48 I were as in my boyhood, and could be

49 The comrade of thy wanderings over Heaven,
50 As then, when to outstrip thy skiey speed
51 Scarce seem'd a vision; I would ne'er have striven

52 As thus with thee in prayer in my sore need.
53 Oh, lift me as a wave, a leaf, a cloud!
54 I fall upon the thorns of life! I bleed!

55 A heavy weight of hours has chain'd and bow'd
56 One too like thee: tameless, and swift, and proud.

V
57 Make me thy lyre, even as the forest is:
58 What if my leaves are falling like its own!
59 The tumult of thy mighty harmonies

60 Will take from both a deep, autumnal tone,
61 Sweet though in sadness. Be thou, Spirit fierce,
62 My spirit! Be thou me, impetuous one!

63 Drive my dead thoughts over the universe
64 Like wither'd leaves to quicken a new birth!
65 And, by the incantation of this verse,

66 Scatter, as from an unextinguish'd hearth
67 Ashes and sparks, my words among mankind!
68 Be through my lips to unawaken'd earth

69 The trumpet of a prophecy! O Wind,
70 If Winter comes, can Spring be far behind?

Sonntag, 22. Juli 2007

Celan

Paul Celan stand da. Vor mir. Fremd wie er war. Ich lauschte. Ich hörte hinein. Es flüsterte. Es ahnte Bilder: der Schwermütige. Paris. Verschollener. Ritter der Worte. Verstoßen. Erhaben. Ich sah ihn. Sah ihn vor mir. Griff nach ihm. Las:


Ein Lied in der Wüste

Ein Kranz ward gewunden aus schwärzlichem Laub in der Gegend von Akra:
dort riß ich den Rappen herum und stach nach dem Tod mit dem Degen.
Auch trank ich aus hölzernen Schalen die Asche der Brunnen von Akra
und zog mit gefälltem Visier den Trümmern der Himmel entgegen.

Denn tot sind die Engel und blind ward der Herr in der Gegend von Akra,
und keiner ist, der mir betreue im Schlaf die zur Ruhe hier gingen.
Zuschanden gehaun ward der Mond, das Blümlein der Gegend von Akra:
so blühn, die den Dornen es gleichtun, die Hände mit rostigen Ringen.

So muß ich zum Kuß mich wohl bücken zuletzt, wenn sie beten in Akra . . .
O schlecht war die Brünne der Nacht, es sickert das Blut durch die Spangen!
So ward ich ihr lächelnder Bruder, der eiserne Cherub von Akra.
So sprech ich den Namen noch aus und fühl noch den Brand auf den Wangen.


Die Jahre von dir zu mir

Wieder wellt sich dein Haar, wenn ich wein. Mit de[m] Blau deiner Augen
deckst du den Tisch unsrer Liebe: ein Bett zwischen Sommer und Herbst.
Wir trinken, was einer gebraut, der nicht ich war, noch du, noch ein dritter:
wir schlürfen ein Leeres und Letztes.

Wir sehen uns zu in den Spiegeln der Tiefsee und reichen uns rascher die Speisen:
die Nacht ist die Nacht, sie beginnt mit dem Morgen,
sie legt mich zu dir.

Freitag, 2. März 2007

Hochmütig, schön und rätselhaft

Hermann Hesse

Hochmütig, schön und rätselhaft,
Der Mund voll Spott, die Stirn voll Stolz,
Der Blick voll loher Leidenschaft -
Und über deine Schulter hängt
Ein Bündel schweren Lockengolds.

Ich sah dich froh und mienenklar,
Sah dich in Nächten aufgerafft
Aus schwülem Bett mit wirrem Haar,
Ich sah dich hundertfach, doch jedesmal
Hochmütig, schön und rätselhaft.

Montag, 7. August 2006

Herzliche Verachtung

Wohl kein Zitat geht mir neben Keats' "I cry your mercy, pity, love" häufiger durch den Kopf als Schillers "Und herzliche Verachtung alles dessen, Was uns erhaben schien und wünschenswert". Ich habe es seinerzeit von Ben Becker aufgegriffen, der es mir bei einem gemütlichen Bier in einem Hinterzimmer nach einem Auftritt auf dem Kiez rezitierte:

Bald ists vorüber und der Erde geb ich,
Der ewgen Sonne die Atome wieder,
Die sich zu Schmerz und Lust in mir gefügt -
Und von dem mächtgen Talbot, der die Welt
Mit seinem Kriegsruhm füllte, bleibt nichts übrig,
Als eine Handvoll leichten Staubs. - So geht
Der Mensch zu Ende - und die einzige
Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens
Wegtragen, ist die Einsicht in das Nichts,
Und herzliche Verachtung alles dessen,
Was uns erhaben schien und wünschenswert.

Schiller - Die Jungfrau von Orleans

lautsprecher Und hier noch Ben himself


"Wir sind alle von Anfang an verflucht, und auch Du musst erst furchtbar verletzt werden, bevor Du ernsthaft schreiben kannst." - Hemingway an Fitzgerald

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