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Kreml-Propaganda in der SZ?

Im Dezember erschien erstmals in der Süddeutschen Zeitung die Beilage Russland heute. Redaktionell verantwortlich ist die Moskauer Rossiskaja Gaseta, eine Zeitung, in dem der Kreml seine Gesetze veröffentlicht. Wie es zu der Kooperation kam und was SZ-Chefredakteur Kister dazu sagt.

Ein Gastbeitrag von Diana Laarz aus Moskau

Wie man die Beilage Russland Heute bezeichnet, das hängt ganz davon ab, mit wem man sich unterhält. Die Anzeigenabteilung der Süddeutschen Zeitung liebt es englisch und nennt die Zusammenarbeit „paid content cooperation“. Der Chefredakteur von Russland heute, Alexej Knelz, ist sichtlich stolz auf „ein journalistisches Produkt und ein wenig Russland-Aufklärung“. Kurt Kister, der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, spricht etwas kühl von einer „mehr als einmal erscheinenden, bezahlten Anzeige, die der Kunde wie eine Zeitung aufgemacht hat“.

Fest steht eines. Das Engagement der Projektredaktion der Rossiskaja Gaseta trifft außerhalb der russischen Grenzen auf Misstrauen. Damit haben die Journalisten in ihrer Redaktion im Norden Moskaus in den vergangenen Jahren gelernt zu leben. Damit werden sie auch bei ihrem neuesten Projekt, dem deutschen, leben müssen.

Ein Blick in die erste Ausgabe von „Russland Heute“ liefert ein 16 Seiten langes, buntes, durchaus kritisches Schlaglicht auf Russland. Es geht – natürlich – um Gaslieferungen, Russlands Automobilbranche, Luschkows Misswirtschaft und Sobjanins holprigen Start. Die Kinder von Anna Politkowskaja erinnern sich an ihre Mutter, das große Filmstudio Mosfilm ist in der Moderne angekommen und das Schwerpunktthema widmet sich der Integration. „Von Integration oder Assimilation kann keine Rede sein“, stellt der Kaukasusexperte Alexej Malaschenko fest. Eine objektive und kritische Berichterstattung und vor allem mehr Hintergrund soll Russland Heute den deutschen Lesern bieten, sagt Chefredakteur Alexej Knelz. Themen wie Lifestyle und Kultur, die über mangelnder Pressefreiheit, Oligarchentum und Putinismus oft in Vergessenheit geraten, werden ins Blatt gerückt. Alexej Knelz, in Wolgograd geboren und mit neun Jahren mit seinen Eltern nach Deutschland ausgewandert, bezeichnet sich selbst als „waschechten Schwaben“. Sein Schwäbisch habe er sich erst wieder abtrainieren müssen, als er Anfang des Jahrtausends für sein Journalisitkstudium an der Lomonossow-Universität nach Moskau kam. Auf eine Feststellung legt der Chefredakteur besonders viel Wert. Die Redaktion von Russland Heute veröffentlicht zwar Artikel, die schon in anderen russischen Medien erschienen sind, doch Inhalte des Mutterhauses, der Rossiskaja Gaseta, kommen nicht ins Blatt.

Angst vor Kreml-Propaganda

Egal welche Verordnung oder welches Gesetz – in Russland wird erst rechtskräftig, was in der Rossiskaja Gaseta veröffentlicht wurde. Für die Erfüllung dieser Aufgabe fließt Geld aus der Staats- in die Zeitungskasse. Kein Wunder also, dass der Zeitung der Ruf eines Verlautbarungsorgans der russischen Regierung anhaftet, die Angst vor Kreml-Propaganda geht um.

Als der Verlag 2007 – auf Inititiative des Außenministeriums – begann, mit einer internationalen Projektredaktion Beilagen für ausländische Zeitungen zu erstellen, war der Widerstand zunächst groß. Inzwischen aber erscheint die Beilage in elf Ländern in neun Sprachen. Die Kunden sind keine Leichtgewichte. Le Figaro aus Frankreich ist dabei, der Daily Telegraph aus England und die New York Times. Demnächst soll eine Ausgabe in China erscheinen.

Das Geschäftsmodell ist immer dasselbe. Die Redaktion in Moskau liefert das komplette Produkt und zahlt zusätzlich dafür, um die Beilage unterzubringen. Auch bei der Zusammenarbeit mit der Süddeutschen Zeitung ist das nicht anders. Der Vertrag gilt zunächst ein Jahr, ab Februar erscheint Russland Heute monatlich. Wieviel die Rossiskaja Gaseta der Süddeutschen Zeitung zahlt, darüber schweigt sich Eugene Abow, Leiter der internationalen Projektredaktion, aus. Nur so viel: „Es reicht, um die Produktions- und Vertriebskosten zu decken.“

Ursprünglich sei eine Kooperation mit dem Axel Springer Verlag geplant gewesen, sagt Abow, dann kam die Finanzkrise dazwischen. Schließlich rückte die Süddeutsche Zeitung ins Visier. Die Geschäftsführung in München habe auf das Angebot aus Moskau zögerlich reagiert, das gibt Abow gern zu. „Das Geschäftsmodell war sehr neu für sie und sie brauchten Zeit es zu überprüfen.“ Die zu erwartenden Überweisungen aus Moskau mögen die Entscheidung positiv beeinflusst haben. Ebenso ein Blick auf die bereits publizierten Beilagen rund um den Erdball. Noch nie hätten Verlag oder Chefredaktion der Rosiskaja Gaseta Einfluss auf den Inhalt der Beilagen genommen, sagt Alexej Knelz. Und auch Eugene Abow versichert: „Alle unsere Journalisten sind unabhängige Schreiber.“

Die Redaktion der Süddeutschen Zeitung ist für die neue Beilage um Zustimmung gebeten worden. Sie hat zugestimmt. Unter einer Bedingung, sagt Kurt Kister: „Es muss klar erkennbar sein, dass diese Beilage nichts mit der Redaktion der Süddeutschen Zeitung zu tun hat.“

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Zur Autorin: Diana Laarz hat die Zeitenspiegel-Reportageschule besucht, bekam aber während der Ausbildung das Angebot, über das Institut für Auslandsbeziehungen als Redakteurin bei der Moskauer Deutschen Zeitung zu arbeiten. Seit eineinhalb Jahren ist sie dort Redakteurin und arbeitet nebenher als freie Korrespondentin. Auch in Russland Heute erscheint demnächst ein Artikel von Laarz - über die Verschärfung der Visabestimmungen für deutsche Russlandreisende.

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Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
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Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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