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Portrait Oliver Steller: Der Musikpoet

Oliver Steller möchte den Deutschen ihre Dichter wieder näher bringen. Portrait eines literarischen Barden.

Von Jan Söfjer

Der Musikpoet trägt Filzpantoffeln und wirkt nicht wie jemand, der das Rampenlicht sucht. Nicht wenn er sich, wie jetzt, bedächtig in seinem Stuhl zurücklehnt und die faule Katze auf dem Fenstersims beobachtet. Oliver Steller ist ein Mann ohne Allüren, aber mit einer Mission: Er möchte den Deutschen ihre Dichter wieder näher bringen.

Spätestens seit seinem Rilke-Programm trägt seine Arbeit saftige Früchte. Mit Hölderlin setzt er den Weg jetzt fort. Der Musiker, den Deutschlands großer Rezitator Lutz Görner seinen Meisterschüler nennt, führt die Menschen zurück unter die Bettdecke der Kindheit, um eine Geschichte gehüllt in Musik und Poesie zu hören. Mit eineinhalbstündigen Programmen schafft Steller es, eine Dichter-Vita samt einem Potpourri aus den dazugehörigen Werken unter die Zuhörer zu streuen. Und weil Worte allein in unserer multimedial dominierten Welt manchen müde machen, vermengt er sie mit dem Klang seiner Gesangsstimme, den Tönen seiner 150 Jahre alten Gitarre sowie sphärischen Saxophon- und brummelnden Kontrabasskompositionen. Wie kommt jemand dazu, so etwas zu machen?

Vorlesen statt fernsehen

Die Straßenbahn fährt vom Kölner Zentrum aus so lange bis man aufhört, die Stationen zu zählen. So lange, bis die Schienen eingleisig werden und die Bahnen in Wartebuchten einander ausweichen müssen. Wir sind in Frechen. Kleinstadtidylle, alles gepflastert, alles sauber. Auch die Istanbuler Quotenecke, wo alle Jugendlichen ihren eigenen Dialekt mit Kölsch gemischt sprechen, ordnet sich da unter. Es geht tiefer in den Ort hinein. Gutbürgerlichkeit mit Gartenzaun macht sich breit. Im Haus von Familie Steller heißen einen warmes Licht und viel Holz willkommen. Abends liest man sich gerne aus Büchern vor. Statt eines Fernsehers finden sich Instrumente. Die Kinder scheinen jedenfalls gut ohne den "Kaugummi für die Augen" (Orson Welles) auszukommen. Während der Journalist ihren Vater interviewt, wollen sie gucken, was im Kino um die Ecke läuft, malen, baden und Gesellschaftsspiele machen. Selbstverständlich musizieren sie auch.

Die Musik gehört zur Familie. Stellers Vater war laut Sohn eigentlich Pianist, in Wirklichkeit aber Professor für Ernährungswissenschaften und Marktforschung. Die Zwänge des Geldes waren schuld. Dafür konnte die Mutter Malerin sein. Schon als Kind trat Steller mit der Gitarre auf und erhielt Unterricht bei Frank Haunschild, Professor für Jazzgitarre. Nach dem Abitur 1987 bewarb sich der junge Mann um ein Stipendium am renommierten Berklee College of Music in Boston für die Fächer Gitarre, Komposition und Gesang. Er wurde angenommen. Doch die Mentalität der Amerikaner war nicht die seine.

Besoffene Amerikaner

Straffe Gesetze, Bierverbot für unter 21-Jährige und eine "extrem langweilige Stadt" (die Clubs schlossen gegen ein Uhr) machten ihm zu schaffen. Doch die Kompensationslust der einheimischen Studenten gefiel ihm auch nicht. Denn bei einer typischen Party "stehen zwei, drei Fässer Bier in einer Badewanne mit Eis, und dann dauert es keine halbe Stunde, und alle Amerikaner sind besoffen", erzählt Steller. Er blieb dennoch ein paar Jahre nach dem Studium in den USA, lebte in Los Angeles und Chicago und nahm Songs mit den Bands von Miles Davis und Carlos Santana auf.

Irgendwann war es ihm endgültig zuviel mit "dieser reglementierten Gesellschaft". Und als Stellers Elend am größten war, zitierte ihm jemand Heidegger: "Die Sprache ist das Haus des Seins". Steller merkte, dass ihm seine Sprache und seine Kultur abhanden gekommen waren. "Da bin ich über die Buchhandlungen hergefallen", sagt er. "Und als ich dann wieder angefangen habe, meine Sprache zu lesen und zu sprechen, da ging es mir besser." Er las, was die Buchhandlungen hatten: Brecht, Kästner, Tucholsky. Damit war der Samen für Stellers spätere Programme gesät. Doch zuerst einmal drängte es den Musiker wieder ins Land der Dichter und Denker zurück, wo er prompt in die Arme von Lutz Görner fiel.

Der Mentor

Görner, die "lyrische Stimme Deutschlands" (FAZ), suchte gerade einen Gitarristen für seine Tour. Steller, der zu der Zeit mit einer Bluesband durchs Land tingelte, hörte davon. Es war eine einmalige Gelegenheit. Nun konnte er neues Land betreten. Görner lehrte den Gitarristen und Sänger die Macht des gesprochenen Wortes. Es folgten zwölf CD-Aufnahmen und 250 Bühnenauftritte. Steller gefiel die Arbeit. "Gedichte fand ich immer schon gut", bekennt er. "Das sind ja eigentlich schon Songs. Man muss nur noch Musik dazu schreiben."

Mit diesem Elan übernahm er bald die Kinderprogramme von seinem Lehrer. Dieser half dem Nachwuchsrezitator, seine Programme zu schreiben, denn "ich habe ja auch von ihm profitiert", sagt Görner auf telefonische Nachfrage. Wirklich eigenständig wurde Steller aber erst mit seinem erfolgreichen Rilke-Programm, mit dem er sich von seinem Mentor emanzipierte. Denn Rilke und "dieser ganze idealistische Kunstkitsch" sei nicht Görners Sache. In Wirklichkeit heiße es doch eher: "Jedem das Seine und mir das Meiste", argumentiert Görner mit bäriger Stimme wie jemand, der nicht unbedingt glücklich darüber ist.

"War der im Krieg? War der schwul?"

Die Ablösung vom Lehrer hört man den Hörbüchern an. Das frühere Tucholsky-Programm wirkt nüchterner als das über Rilke. Erst dort entfaltet sich das "Poesie & Musik"-Konzept von Steller vollends. Mit klassischem Rezitieren hat das nur noch bedingt etwas zu tun. Doch "man muss die Leute da abholen, wo sie sind", findet Steller. "Es muss immer darum gehen, den jeweiligen Dichter Mensch werden zu lassen. Damit man nachher weiß, was das für einer war." Wenn Fragen beantwortet würden, wie: "War der im Krieg? Mit wem hat der gelebt? War der schwul? Wie war seine Zeit?", dann "versteht man, warum einer solche Sachen schreibt". Authentizität ist Steller wichtig. Daher besucht er sogar die Orte, an denen die Dichter gelebt haben. So auch den Turm in der Schweiz, in dem Rilke in seinen letzten Jahren die Duineser Elegien schrieb.

Die Hauptarbeit bleibt jedoch das Lesen der Werke und der Sekundärliteratur, das Herausschreiben, das Überlegen, wie sich Gedichte am besten sprechen oder singen lassen und welche Klänge und Melodien passen. Es ist ein Wälzen und Ringen und Kürzen und Proben von zwei Jahren. Doch wenn Oliver Steller dann alleine oder mit Begleitmusikern auf der Bühne steht, entrückt ins Leere schaut und Goethes Mutter oder Joseph von Eichendorff zitiert, dann glaubt man beinahe, Steller wäre dabei gewesen. Man lauscht ihm, wie er aus seinen scheinbaren Erinnerungen erzählt und dann zu singen beginnt. Er singt die Strophen eines Gedichtes und man tut sich schwer mit der Vorstellung, dass es anders klingen könnte.


Siehe auch die Homepage von Oliver Steller.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in einem Semesterprojekt des Studienganges Online-Journalismus der Hochschule Darmstadt für ein Multimedia-Dossier über das Phänomen Hörbücher auf SWR2.de geschrieben und dort veröffentlicht. Mit der Änderung des Rundfunkstaatsvertrages mussten die öffentlich-rechtlichen Sender viele Inhalte in ihrem Archiven löschen. Das Dossier gehörte dazu.

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Gut analysiert. Nur bei...
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