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Einmal Front, bitte!

Der Reporter Carsten Stormer ist immer auf der Suche nach Krisenherden – nun hat er ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben.

Von Jan Söfjer

stormer
Carsten Stormer bringt Kindern im Kongo Schulhefte. Foto: Guy Calaf

Als Carsten Stormer mit seinem frischen Journalismus-Diplom nach Afghanistan fliegt, scheitert er erstmal an der deutschen Bürokratie. Ohne Empfehlungsschreiben einer Heimatredaktion keine Akkreditierung, sagt der deutsche Presseoffizier in Kabul. Stormer probiert er es bei den Amerikanern nebenan: „Du willst den Krieg sehen?“, fragt ihn ein Zigarre rauchender Hauptmann. „No problem“, auf was er denn Lust hätte? Wiederaufbauteams begleiten, amerikanische Ausbilder beobachten oder an die Front? „Einmal Front, bitte“, sagt Stormer. „Alles klar, son. Komm übermorgen wieder vorbei, bring deine schusssichere Weste und einen Helm mit, dann fliegen wir dich nach Kandahar.“

Diese Szene ist beispielhaft für das Buch von Carsten Stormer („Das Leben ist ein wildes Tier“), einem Ausnahmereporter, dessen Weg in den Journalismus alles andere als typisch deutsch war. Statt bei Lokalzeitungen zu hospitieren, machte er Praktika bei Zeitungen in Burma und Kambodscha. Bevor er mit 27 mit dem Studium begann, hatte er schon gesehen, wie zwei junge Mädchen in Südostasien von einer alten Landmine halb zerrissen wurden. In seinem Buch nennt er dies sein Erweckungserlebnis, weil es ihn traurig macht, „dass niemand je über das Schicksal dieser beiden Mädchen erfahren wird, weil es in einem totel Winkel der Welt passiert“. Stormers Mission soll es später werden, den Menschen eine Stimme zu geben, die die Welt vergessen hat. Er besuchte ein Bordell in der Grenzwelt zwischen Äthiopien und Somalia, wo die Hälfte der Leute HIV-positiv ist und der Tod vier Dollar kostet. Stormer begleitete einen Iraker, der für die Amerikaner dolmetschte, besuchte Obdachlose, die auf einem philippinischen Friedhof wohnen, schrieb über Hexenverfolgung in Papua-Neuginea oder die Surfer-Szene in Gaza-City. Für die Berliner Zeitung berichtete Stormer unter anderem über ein kongolesisches Krankenhaus, in der jedes Jahr tausende vergewaltigte Frauen versorgt werden. Anton Landgraf vom Amnesty Journal sagt über Stormer: „Ich kenne kaum einen Journalisten , der sich so intensiv mit 'abseitigen' Themen beschäftigt und der sich so stark verpflichtet fühlt über die 'Vergessenen' zu berichten.“

Stormer ist heute 38 Jahre alt, ist frisch verheiratet und lebt in Manila auf den Philippinen. Seinen Weg in den Journalismus fand er spät, zuerst wollte er Schiffskapitän werden, am Ende lernte er Speditionskaufmann und verzweifelte an seiner kleinbürgerlichen Welt. Nach der Uni blieb es nicht bei der Reise nach Afghanistan. Finanziell überleben konnte er nur, weil er keine Wohnung hatte, bei Freunden schlief und ständig unterwegs war. Erst die Reporteragentur Zeitenspiegel, deren Schule er besuchte und deren Partner er heute ist, ermöglichte es ihm, sich zu etablieren und formte aus einem Durchschnittsschreiber einen stilistisch brillanten Schreiber und Fotografen. Sehr viel hing aber auch an seinem unbedingten Willen. Auf dem üblichem Weg hätte Stormer sein Ziel kaum erreicht, nicht in einer Zeit, in der Redaktionen schon froh sein können, wenn sich sich mit anderen Zeitungen einen Korrespondenten teilen dürfen.

Wer Stormer mal getroffen hat, ist erstaunt, wie still, ja beinahe schüchtern der Reporter ist. Auch in seinem Buch schmeißt er nicht - wie es Peter Scholl-Latour gerne macht - mit Namen und Fachwörtern um sich. Stormer will nicht die ganze Welt erklären und prahlt nicht damit, wie stark seine Drinks sind. Er ist auch kein großer Kritiker des Mediensystems wie Associated Press-Haudegen Mort Rosenblum. Stormers Buch ist auch deshalb so gut, weil er so jung ist, weil er kein selbstgewisser Knochen ist. Seine Zeitenspiegel-Mitschülerin Ellen Köhrer hat damals eine WG mit ihm geteilt. Sie erzählt, dass Stormer nie über seine Reisen gesprochen hat. Zu Hause lief ständig CNN, ständig war er auf der Suche nach Krisenherden, nach Themen. Doch er interessierte sich nicht nur für Menschen am Ende der Welt. Als sie einmal mit einer Schülergruppe auf dem Weihnachtsmarkt waren, war Stormer plötzlich verschwunden – er brachte einer Obdachlosen eine Schale Pommes.

Das Leben ist ein wildes Tier, Lübbe-Verlag, Köln 2011. 310 Seiten, 16,99 Euro.

Erschienen in leicht gekürzter Fassung in der der Berliner Zeitung vom 15. Februar 2012.

Hier ist meine Rezension des Buches in der SZ zu finden.

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