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Niemand erreicht selbst etwas

Die Elite redet immer so, als ob sie es selber geschafft hätte. Leistung ist ihr Zauberwort. Minderleister werden all die genannt, die es nicht so weit gebracht haben. Dass der Backwarenverkäufer am Bahnhof, der sechs Tage die Woche von 5 Uhr bis 14 Uhr im Akkord für einen Hungerlohn schuftet, viel mehr leistet als jeder Manager (die würden nämlich nach einer Woche kotzend um Gnade winseln) verstehen sie nicht.

Die Elite oder anders: Alle, die außerordentlich viel erreicht haben, alle Vorstände, alle Superstars der klassischen Musik usw. haben natürlich zweifelsohne Außerdentliches geleistet ... aber: Sie hätten einen Scheiß erreicht, hätten ihre Eltern nicht ihre Ausbildung finanziert und sie schon in jüngsten Jahren gefördert. Das Wunderkind oder den Konzernlenker aus sozial schwierigen Verhältnissen, das mit 18 aus dem Haus gejagt wird, um arbeiten gehen zu müssen, und dem selbst das Gymnasium verboten wurde, dieses Wunderkind möchte ich sehen.

Buchempfehlung: Julia Friedrichs: Gestatten: Elite. Das beste Sachbuch, das ich bisher gelesen habe!
mrpink - 2009-01-09 10:33

Nicht vergleichbar

Ich finde, dass kann man gar nicht vergleichen. Körperliche und geistige Arbeit, gesellschaftliche Vorgeschichte und Chancengleichheit. Ein Bäcker kann es genauso "geschafft" haben, wie jemand der einen Millionenkonzern aufgebaut hat. Nur weil du die Möglichkeit hattest zu studieren oder einen höheren Schulabschluss zu machen, heisst das noch lange nicht, dass du es "geschafft" hast oder schaffen wirst. Hierbei geht es meiner Meinung nach um persönliche Standarts: Aus einer gegebenen Situation das Beste rauszuholen. Der Beste zu sein, der du sein kannst.
7an - 2009-01-09 11:02

Ich glaube es gibt nur wenige Bäcker, die Bock haben, jeden Tag um vier Uhr oder früher aufzustehen. Oder anders: Wie viele Menschen kotzt ihre Arbeit an und wie viele machen sie nur, weil sie nicht anders können, weil es nur und einzig allein ums Geld geht?

Ich finde, den Leistungsgedanken "Jeder kann in seinem Job großes erreichen und glücklich sein" schwachsinnig. Es gibt wohl nur äußerst wenige Menschen, die harte, oft schlecht bezahlte Arbeit toll finden und nicht gerne eine bessere Bildung, einen besseren Job und generell bessere Lebensumstände hätten.

Ich verstehe aber deinen Gedanken, ein Studienabschluss muss noch lange nicht glücklich machen und wenn jemand zum Beispiel wahnsinnig gerne Möbel baut, seinen Meister macht und dann als selbstständiger Möbeltischler Erfolg hat, dann kann dieser natürlich für sich selbst viel eher das Gefühl haben, es geschafft zu haben, als ein Akademiker, der sich nicht im Beruf gefordert fühlt (siehe dazu auch den FAS-Artikel: Zu gut für diesen Job).

Trotzdem: Es werden wohl nur wenige sein, denen aufgrund ihrer Herkunft (beispielsweise Migrationshintergrund und ungebildete Eltern, die langzeitarbeitslos sind) eine gute Bildung verwehrt blieb, zufrieden mit ihrem Leben sein. Schon Teenager, ach was, schon Kinder aus der Generation Rütli, fühlen sich von der Gesellschaft ausgegrenzt und sie sind es auch. Sie werden vermutlich ihr Leben lang als Versager abgestempelt sein. Alles hängt vom Elternhaus ab. In kaum oder keinem anderen westlichen Land der Welt, hängt ein Studium so sehr von der Bildung der Eltern ab, wie in Deutschland. Das ist die Realität.
mrpink - 2009-01-09 11:39

Ich glaube das siehst du...

...falsch.

Ich kenne viele Leute, die mit ihrem handwerklichen oder minderbezahlten Beruf sehr glücklich sind und denen es z.B. nichts ausmacht um 4 Uhr morgens aufzustehen. O-Ton: "Ich sehe jeden Tag den Sonnenaufgang."

Allgemein ist aber die Jobunzufriedenheit in Deutschland weit verbreitet, da hasst du Recht. Das liegt aber auch daran, dass viele glauben, dass man den einen Job 40 Jahre machen muss...

schau dir mal Gernstls Reisen an. Da findest du unzählige Beispiele für glückliche Menschen in Deutschland. Bauern, Schreiner, Lagerarbeiter...
7an - 2009-01-09 12:07

Die Aufnahmen in dem Film sollen aus den 80ern und 90ern sein. Da gab es fast noch Vollbeschäftigung, es gab die starke D-Mark, die 1:1 doppelt so viel Wert war wie der Euro und es gab kein Hartz IV. Heute bekommst du doch bestenfalls 1200 Euro netto als einfacher Arbeiter. Das ist schon hart. Und wenn du ne Familie ernähren willst, hast du ein Problem.

Trotzdem ist mir klar, was du meinst und ich sage auch nicht, dass du falsch liegst, aber wir reden auch ein bisschen aneinander vorbei. Ich sagte, dass beruflicher Erfolg, sprich: ein gutbezahlter, anspruchsvoller Job, Bildung etc. von den Eltern, von der Herkunft abhängt. Viel mehr sage ich, dass Eliten glauben, sie hätten alles selbst erreicht, sie wurden aber nur in der richtigen Familie geboren. Das sage ich. Glück ist ein anderes Thema, hängt aber stark mit Bildung, Geld und dem Beruf zusammen.

Nachtrag: Übrigens denke ich, dass wirklich viele Menschen ihr Leben lang den gleichen Beruf machen werden. Vor allem als Nicht-Akademiker mit Berufsausbildung. Was willst du auch machen, wenn du fünf oder zehn Jahre in deinem Beruf gearbeitet hast? Du hast doch überhaupt keine Referenzen für einen anderen Job? Jeder ist froh, wenn er überhaupt einen Job hat. Und da arbeitet man dann so vor sich hin. Ich kenne da auch ein paar Leute so um die 50, die gerne beruflich etwas Neues machen würden, aber nicht können und obendrein auch noch an ihr Dorf in der Provinz gebunden sind.

Theoretisch können natürlich Jobs wie Schreiner oder Gartenbauer schön sein - vor allem für eine gewisse Zeit. Aber ich würde das nicht romantisieren. Wenn du jeden Tag so einen Knochenjob machen musst (vor allem jetzt im Winter) oder Akkord in einer Fabrik arbeitest, kommt dir das Glück schnell abhanden. Und dann ist einem auch noch bewusst, dass man eine weitere Ausbildung gar nicht finanzieren kann. Vielleicht macht man noch einen Meister, aber das war es dann auch. Nein, die Romantik ist überall, aber nicht im heutigen Berufsleben.
mrpink - 2009-01-09 14:15

Du möchtest also sagen...

...das die Eliten, wie du sie nennst im Grunde alles ihrer Herkunft zu verdanken haben? Wer ist denn für dich die Elite? Die, die 1 Million auf ihrem Konto haben (NACHTRAG: selbst erarbeitet, versteht sich), oder auch schon die, die mit Mühe und Not ihr Abi geschafft haben? Ein Herkunft aus einer bsp. akademischen Familie ist sicherlich von Vorteil, doch alles Andere muss man sich doch selbst erarbeiten. Vielleicht habe ich hier einen grundlegenden Denkfehler. Aber ich sehe weder dich noch mich, noch jemand der das Doppelte verdient als Elite. Die Elite ist eine ganz andere Liga. Und das hat nur wenig mit der herkunft zu tun. Vielleicht sollte ich das Buch auch mal lesen? (-;

Mein Tipp für das beste Sachbuch ist "Die Gesetze der Gewinner von Bodo Schäfer" oder Dale Carnegie "Wie man Freunde gewinnt".
7an - 2009-01-09 14:33

genau so ist es!

sie können überhaupt nur solche leistungen bringen und soviel verdienen, weil sie die richtigen startbedingungen hatten. der spruch: ich habe mir meine millionen selber erarbeitet ist lächerlich.

den begriff elite mag erst einmal sowieso niemand. aber jeder benutzt ihn. als elite, denke ich, kann man aber durchaus die vorstands- und aufsichtsratsvorsitzenden der dax-konzerne nennen, wie auch musiker wie julia fischer oder lang lang. eigentlich beeinhaltet der begriff elite auch eine moralische vorbildfunktion. da fällt mir aber bestenfalls barack obama ein - vielleicht auch nelson mandela. spielt aber eigentlich alles keine rolle. es geht mir nur darum zu zeigen, wie eindeutig einen die herkunft prägt. der eliten-forscher michael hartmann hat genau das bestätigt und die herkunft wird immer wichtiger. Fast alle großen konzernbosse haben einen vater, der ebenfalls einen sehr einflussreichen posten hatte. rene obermann ist da eine absolute ausnahme. aber auch im journalismus ist es so: er ist extrem vom mittelstand geprägt. sprösslinge aus der unterschicht haben quasi keine chance. es hängt mit dem stallgeruch zusammen, den man mitbringt und nicht einfach ablegen kann, es geht um den habitus, soziale codes, die man subtil aussendet, die art, wie man redet, die weltsicht, die souveränität, die small-talk-themen. menschen mit ähnlicher herkunft erkennen einander.

ps: das buch empfehle ich dir außerordentlich. andi war auch sehr von angetan.

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