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Endstation Mittelmeer

Vor fast 1000 Jahren rief Papst Urban II. zum ersten Kreuzzug auf. Heute ist die Kueste von Genua, das immer noch das Wappen der Ritter fuehrt, eine beschauliche Touristengegend - doch zumeist nur fuer die, die von der richtigen Seite des Meeres kommen.

Ich sitze am Hotelpool und ueberlege, was ich schreiben koennte. Eine schoene Shortstory soll es sein. Nach ein paar Stunden habe ich einen kleinen Plott zusammen, doch er will nicht wirklich aufgeschrieben werden. Es ist immer das Gleiche. Ich moechte etwas erzaehlen, dass mich wirklich bewegt, eine spannende Geschichte - am besten mit einer gesellschaftskritischen Komponente. Aber wo soll so eine Geschichte herkommen? Kann man sich so etwas an einem Vier-Sterne-Hotel-Pool ausdenken?

Ich lasse es sein und gehe mit meinen Eltern in ein Cafe. Es ist ebenfalls direkt am Strand - nur ein paar Meter weiter. Wir trinken Tee, Cappuccino, Cognac und essen Gebaeck. Ab und an wimmeln wir einen Verkaeufer ab. Schwarze wollen Armbaendchen verkaufen und ein Suedlaender Rosen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Roseverkaeufer eine Rose verkauft sehen zu haben. Er haelt sie den Cafebesuchern direkt vor die Nase. Er lacht nicht. Er will nur Rosen verkaufen. Niemand kauft eine.

Die Kellner schieben Tische fuer eine Touristengruppe zusammen. Einige tragen Karohemden. Sie sprechen in heiterem Deutsch und bekommen grosse Glaeser mit Bier. Meine Eltern wollen zurueck ins Hotel. Ich hingegen moechte mir noch den Ort ansehen. Ich habe es in den zwei Tagen, die ich hier bin, nicht geschafft. Mittlerweile bin ich sehr erkaeltet, doch ich gehe trotzdem.

Ich passiere lange, enge Gassen mit Mode- und Schmuckboutiquen. Es geht steil bergauf. Am Ende kommt ein Buchladen. Grosse Laternen tauchen die Wege in gelbes Licht. Ich gehe tiefer in den Ort hinein. DIe Geschaefte verschwinden. Ich bin mehrmals nahe dran, den Weg zurueck einzuschlagen, doch immer zoegere ich und taste mich wie ein Blinder weiter voran. Und dann stehe ich auf einmal vor der Basilika Santuario di Gesu Bambino di Praga. Arkadengaenge ruhen im Halbdunkel, Brunnengeplaetscher mischt sich mit dem Meeresrauschen der Kueste. Im Turm singt ein Glockenspiel. Zwei Tage sass ich im Hotel oder in diesem Cafe, in dem sie 80er-Jahre-Dudelfunk spielen, aber diesen erhabenen Ort haette ich beinahe verpasst.

Spaeter stehe ich wieder am Strand. Das schwarze Mittelmeer schwappt in der Bucht. In der Ferne leuchten die Lichter von Genua. Noch heute fuehrt die Stadt die Flagge der Kreuzfahrer, das rote Kreuz auf weissem Grund, als Wappen.

Ich gehe zurueck zum Grand Hotel. Nach ein paar Metern sehe ich den Suedlaender von vorhin. Gebeugt sitzt er in einer ruhigen Ecke auf einer Bank. Seine duerftige Verkaeufer-Aura hat er mit den Rosen abgelegt. Jetzt ist er nur noch ein Mann um die 30 mit traurigem Gesicht. Er wirkt nicht so, als wenn er sich bereits mit seinem Schicksal abgefunden haette. Und in der Tat wuerde er auch nicht unter Studenten oder in einem Buereau auffallen. Aber vermutlich hat er nicht einmal einen Schulabschluss. Er erinnert mich an den Mann, der immer nachts an den Araltankstellen in Darmstadt steht und einem nuschelnd eine Obdachlosenzeitung verhalten entgegenstreckt. Jahrelang hat er mich genervt. Neulich bin ich umgedreht und habe ihn angesprochen. Ich war ueberrascht, wie gut er sich artikulieren konnte. Dreher hat er gelernt, ist aber schon lange arbeitslos. Sechs Stunden verkauft er taeglich seine Zeitunngen. Er meint, er wuerde gut zurecht kommen. Was fuer eine Geschichte hat wohl der Rosenverkaeufer?

Ich hatte kurz innegehalten, dann sehe ich, wie der Rosenverkaeufer sich wieder aufrafft. Ich passe ihn ab und wir gehen ein paar Meter zusammen. Er schaut mich an. "Where do you come from?", frage ich ihn. Doch er versteht kein Englisch und ich kein Italienisch. Mit Franzoesisch habe ich Erfolg. Doch von meinen sechs Jahren Unterricht sind nur eine Handvoll Woerter geblieben. Ich erfahre, dass er aus Marokko kommt und seit einem Jahr in Italien ist. Er sagt, er habe zwei Kinder und fragt mich nach fuenf Euro. Spaeter werde ich sie ihm geben. Vielleicht ist er mehr an meinem Geld als an mir interessiert, aber was kann er sich auch von dem Mitleid eines Deutschen Touristen kaufen, der in einem Vier-Sterne-Hotel wohnt? Wir versuchen uns ein wenig mehr zu erzaehlen. Gerne wuerde ich wissen, ob er in Marokko einen Beruf hatte, wuerde gerne mehr von seinem Leben erfahren. Auch wuerde ich ihm erzaehlen, dass ich die letzten Tage in Wien und Mailand war, aber wozu eigentlich? Kein Wort kann die Welten, die zwischen uns liegen, ueberbruecken. Ich werde wieder in mein Hotel gehen und er weiter Rosen verkaufen. Zum Abschied kuesst er mich auf beide Wangen und ich auf seine. Im Cafe sitzen die Deutschen und trinken Bier. Es ist eine schoene Nacht am Mittelmeer in Arenzano.
QuiBono - 2008-09-26 10:00

Eine schöne Skizze ...

... und die Bilder Deines Textes bleiben gut in Erinnerung. Es gibt ein paar gute Sätze, die angenehm-verträumte Gedankenketten auslösen. Auch klingt der Sprachduktus sehr jung, so als würdest Du aus einer frühreren Perspektive schreiben - vielleicht ein bewusstes Stilmittel, um zwei glückliche Zustände miteinander zu verbinden: jung sein und in Italien sein - was will man mehr? Nur die Erkältung muss man sich wegdenken.

Übrigens habe ich auch noch nie einen Rosenverkäufer gesehen, der eine Rose verkauft. Dein Satz ist anscheinend als Stolperfalle für Sprachkritiker gedacht. Ich hoffe, ich bin jetzt nicht hineingetreten.

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