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Lima: Medizin für meine Seele

La Avenida Abancay, (c) pierre pouliquin, flickr
La Avenida Abancay, Foto: pierre pouliquin

Jeder Mensch hat eine bestimmte Vorstellung von einer Stadt. Doch wie lebt es sich wirklich dort? Teil vier der Serie Vita Urbana.

Ein Gastbeitrag von Yuri Pumahualca

Prolog

1992 starben immer noch Menschen in Peru. Maschinengewehrsalven zerrissen Polizisten und Bomben die Straßen. „So sterben die Hunde der Regierung“, stand auf Plakaten, die über den Toten lagen. Es war die Botschaft von Sendero Luminoso, des Leuchtenden Pfades, einer Guerilla-Organisation, die den ganzen Staat stürzen wollte. Zigtausende Menschen starben.

1992, da war ich zehn Jahre alt und lebte in Lima, der Hauptstadt Perus. Ich erinnere mich noch daran, wie Bank „Continental“ in unserer Straße explodierte. Und manchmal hatte ich schulfrei, weil die Gewalt wieder durch die Straßen schlich.

1992 war aber auch der Anfang vom Ende des Terrors. Abimael Guzmán, der Anführer des Leuchtenden Pfades wurde verhaftet und mit ihm weitere Köpfe. Viele Guerillas ließen ihre Waffen fallen.

Doch das Lima meiner Kindheit, es war nie wirklich das Lima des Terrors gewesen. Mein Lima, das war vor allem die Jirón Huallaga.

Jirón Huallaga, die Straße meiner Kindheit

Es sind Ferien. Musik und Gelächter mischen sich mit den Düften würziger Mittagsgerichte. Illegale Straßenhändler versuchen, ihre Produkte an den Mann zu bringen. “Darf ich vorbei?”, “Vorsicht!”. Überall drängeln sich Triciclos hindurch – dreirädrige Transport-Fahrräder. Unmöglich, hier mit dem Auto zu fahren.

Ich habe soeben ein Paar Schuhe verkauft. Meine Mutter hat einen kleinen Laden. Jetzt in den Ferien bin ich drei Mal die Woche hier und helfe. Aber nun habe ich mir eine Pause verdient.

„Eis! Kaugummi! Zigaretten! Kekse!“ die Händler, unter ihnen viele Kinder, wollen alles an den Mann bringen. Zwischendrin verkauft eine Frau Anticuchos – köstliche Fleischspieße. Die armen Menschen tragen eine leichte Traurigkeit in ihren Gesichtern, aber Optimismus in ihren Stimmen.

An einer Ecke wirbt ein Mann für natürliche Medizin. Sie heile „Leber-, Nieren- und Magenkrankheiten“, sagt er. Die Leute sammeln sich um ihn und lauschen seinem Vortrag über Pflanzen und ihrer Verarbeitung. Ich höre auch zehn Minuten zu, dann frage ich mich, ob der Mann lügt.

Ich gehe weiter, ich habe keine Uhr, aber ich mache mir keine Sorgen. Meine Mutter hat bestimmt wieder von Frau Pérez Besuch bekommen. Die gutmütige Frau Pérez. Sie begrüßt jeden Kunden so herzlich, dass man glauben könnte, der Laden gehöre ihr.

Doch wo soll ich hin? Zur großen Allee, wo der peruanische Präsident Alberto Fujimori lebt? Erst später sollte ich erfahren, dass er die Inflation überwand und weitestgehend den Terror bezwang. Allerdings nur, indem er genauso grausam wie die Terroristen vorging. Selbst 2008 laufen noch Klagen wegen Menschenrechtsverletzungen und Korruption gegen ihn.

Ich weiß nicht, ob ich weitergehen soll. Ich habe Angst. Angst, dass mir die Zeit vergeht und meine Mutter vielleicht meine Hilfe braucht. Sie könnte auch überfallen werden. Wer weiß. Doch dann lenken mich die Gerüche des Mercado Centrals „Ramón Castilla“ ab.

Ich sehe Fische und Fleisch jeglicher Art. Der Boden ist nass. Männer tragen Obst und Getreide in großen Tüten aus Stoff. Ich gehe weiter und entdecke einen Spielzeugladen. Vielleicht finde ich etwas, was mir meine Eltern zu Weihnachten schenken könnten. Ich vergleiche die Preise und lerne sie auswendig.

Als ich hinausgehe, werde ich fortgeschwemmt und lande in einer Juwelengalerie Ketten und Ohrringe aus Gold und Silber. Fünfzig Händler konkurrieren hier um Kunden. Ich kaufe mir nichts. Wovon auch? Ich bin doch noch ein Kind. Schon höre ich den Verkehr der großen Allee „La Avenida Abancay“. Mein Herz schlägt höher. Ich habe Angst, weil dort oft große Gruppen von Leuten marschieren. Sie tragen dann Plakate und streiten sich mit der Polizei.

Ich stehe unschlüssig da. Autos und Busse hupen sich gegenseitig an. Die Kassierer der Busse hängen sich an die Tür und schreien die Namen der Orte, zu denen sie fahren. Die Passagiere steigen schnell ein und aus. Niemand verpasst seinen Bus. Er wartet immer. Mehr Geld für den Fahrer.

Nein, heute überquere ich die große Allee nicht – trotz meiner Neugier. Ich habe meine Mutter schon lange genug alleine gelassen.


Yuri Pumahualca wurde in Lima geboren und studiert Romanistik in Frankfurt am Main.

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Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
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Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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