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Die verfehlte Kischpreis-Debatte

Es ist viel über die Aberkennung des Nannenpreises in der Kategorie Reportage (Kischpreis) für René Pfister geschrieben worden. Die meisten Kommentare gingen am Kern der Sache vorbei.

Sehr stark wird das in einem stern-Interview mit Zeit-Chefredakteur und Jury-Mitglied Giovanni di Lorenzo deutlich. Er sagt in einem stern-Interview, das ganze Portrait über CSU-Chef Horst Seehofer baue auf der Einstiegsszene des Textes auf. Diese sei aber rekonstruiert und genüge damit nicht den Ansprüchen an eine Reportage. Di Lorenzo vermisst ein „Wort des Bedauerns“ beim Spiegel-Redakteur Pfister, spricht von Fehler und mangelnder Einsicht.

Die Enkelin von Henri Nannen, Stephanie Nannen, spricht gar von „Betrug an der Wahrheit“, von „Verrat“. Sie stand am Anfang der Debatte. In der taz meldeten sich Henri-Nannen-Schüler. Sie reden von "Vorspiegelung falscher Tatsachen", „Strafgesetzbuch“, „schummeln“, „Betrug“ und „Eitelkeit“. Harte Worte. Und alle Kritiker zeigen doch nur, dass sie sich haben blenden lassen. Von der Jury, die den Text Pfisters als Reportage auszeichnete. Hier ist das Problem.

Pfisters Text ist keine Reportage

Der Text ist keine Reportage. Es gibt nur drei Szenen in einem langen Text. Man muss nicht wie Zeit-Dossier-Chef Stefan Willeke ein langes Plädoyer darüber halten, was die Reportage darf und was nicht (auch, wenn sein Plädoyer eine wundervolle Hommage an den Beruf des Reporters ist), denn Pfisters Text ist einfach keine Reportage. Egal, welchen Maßstab man anlegt. Es ist ein politisches Portrait, dass unter anderem wenige Szenen beinhaltet.

Die Jury und viele Kritiker haben sich über den Einstieg des Textes aufgeregt. Dabei ist der Einstieg gar keine Szene. Es ist ein faktischer Einstieg. Es macht mich sprachlos, dass die Nannenpreis-Jury diese Nicht-Reportage als beste Reportage ausgezeichnet hat, sich dann aber aufregt, weil eine Kernpassage nicht die Ansprüche einer Reportage erfüllt. Es ist absurd. Paradox.

Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und auch Mitglied der Jury, hat es als einer der wenigen verstanden. In der FAZ schrieb er, es gehe um die Frage, "ob es sich hier am Ende um einen Kategorienfehler handelt und der Text in der falschen Kategorie ausgezeichnet wurde".

Kolumnist Harald Martenstein führt den Gedanken fort: „Mag sein, dass dem Nannen-Preis einfach eine Kategorie fehlt, für Essays, Analysen und Porträts, diese Kategorie sollte man einführen und sie im ersten Jahr René Pfister verleihen.“

So oder so ist bereits ein großer Schaden entstanden. Für die Jury, aber noch ein größerer für René Pfister. Statt der größtmöglichen Ehrung erhielt er nun die größtmögliche Strafe. Steht, wie auch Martenstein sagte, in einer Ecke mit Guttenberg und Tom Kummer.

Einer der wenigen, der all das von Anfang an verstanden hat, war Geo-Chef Peter-Matthias Gaede, auch Nannen-Jury-Mitglied und vielleicht der erfahrenste und beste Reporter in der Runde. Er war sehr dagegen, Pfisters Text als beste Reportage auszuzeichnen. Am Ende kämpfte er aber vehement dagegen, Pfister den Preis wieder abzuerkennen.

Die Geringschätzung der Reporter

Was die ganze Debatte offenbart hat, ist nicht nur, dass selbst einige der bedeutendsten Journalisten der Republik ein zu schwammiges Bild von der Form der Reportage haben (was nicht heißen soll, dass nur die reine Lehre gelten soll. Ich stimme Willeke zu, der sagt, dass die Reportage in einer komplexer werdenden Welt komplexer werden muss), die Debatte hat auch offenbart, wie groß die Abneigung nicht weniger Journalisten gegenüber Reportern und der Reportage ist. Natürlich von Journalisten, die keine Reportagen schreiben. Von politischen Journalisten, vor allem aber von Feuilletonisten.

Schon Enzenzberger kritisierte 1957 die „Sprache des Spiegel“ als zu storyfixiert, wie auch Stefan Winterbauer auf meedia.de anmerkte. Enzensbergers Kritik wird heute vor allem vom FAZ-Feuilletonchef Claudius Seidl weitergeführt. Im journalist stritt er sich mit Willeke über den Fall Pfister. Seidl wirft den Reportern vor, einen Hang zum „Trivial-Literarischen“ zu haben, dass am Ende in den Reportagen „alles aufgeht“. Schon vor einem Jahr bemängelte Seidl: „Genau das ist das Problem mit den Preisträgerreportagen: Sie wollen Literatur sein.“

Wir möchten keine Literatur schaffen

Ich sehe das nicht so. Ich möchte keine Literatur schaffen, wenn ich eine Reportage schreibe. Ich glaube auch nicht, dass andere Reporter Literatur schaffen möchten. Ich habe auch schon Shortstorys veröffentlicht, aber die Literatur reizt mich bei weitem nicht so sehr wie der Journalismus und speziell der Beruf des Reporters. Mir scheint es eher ein Problem zu sein, dass Seidl die Reportage mit den Maßstäben der Literaturkritik misst und enttäuscht ist, dass sie seinen literarischen Ansprüchen nicht genügt.

Reporter möchten keine Literatur schaffen, sie möchten Geschichten erzählen. Reale Geschichten. Wir bilden uns nicht ein, alles wissen zu können und glauben nicht, in jeden Kopf schauen zu können. Wir sehen nur die Menschen und ihre Handlungen, vielleicht mit Hintergrundwissen im Kopf. Eine Haltung haben wir auch, weil niemand ohne sein kann. Wir wollen einfach die Geschichte, die wir sehen, aufschreiben. Verdichtet, strukturiert. Eine Geschichte braucht eine Dramaturgie. Aber die Quelle dieser Dramaturgie ist nicht die Fiktion, sondern die Realität.

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Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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