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Bildungslotto

In Dresden müssen Schüler Russisch lernen, obwohl sie Französisch gewählt haben.

Von Jan Söfjer

Der Tag, an dem der elfjährige Hannes von der Deutschen Demokratischen Republik eingeholt wurde, war sonnig. Um kurz vor 13 Uhr an einem Freitag im vergangenen Mai erreichte Jürgen Schumacher, der Vater von Hannes, das Bertolt Brecht-Gymnasium in Dresden. An dem Tag sollte das Los darüber entscheiden, was sein Sohn lernen darf und was nicht.
Es sind nur wenige Eltern gekommen. Der Schulleiter Marcello Meschke wirft zusammengefaltete Zettel, auf denen Schülernamen stehen, in einen Pappkarton. 68 Fünftklässler möchten im folgenden Schuljahr Französisch als zweite Fremdsprache lernen. Es gibt aber nur zwei Gruppen - mit insgesamt 56 Plätzen. Die letzten zwölf Schüler in der Kiste haben Pech gehabt. 56 Mal zieht Schulleiter Meschke das Los, 56 Mal steht nicht Hannes drauf. Von den Übriggebliebenen ist er die Nummer sieben. Keine Chance nachzurücken. Er muss stattdessen Russisch lernen.

Jürgen Schumacher fühlt sich ohnmächtig. Wie soll er das seinem Sohn vermitteln? Was, wenn sie, der Arbeit wegen, Sachsen einmal verlassen müssen? Was, wenn sie das Elternhaus in Ulm erben und umziehen wollen? Welches Gymnasium in Westdeutschland bietet schon Russisch an? Muss sein Sohn dann auf sein Abitur verzichten? Der Vater überbringt die Nachricht. Hannes wirft sich aufs Bett und weint. Seine Mutter hat in der DDR Russisch auf Lehramt studiert, bis zum fünften Semester im Jahr 1990. Nach der Wende brach sie ab und schulte um. "Ich habe nichts gegen die russische Sprache und nichts gegen die Lehrerinnen", sagt die Elternsprecherin, "aber es kann nicht sein, dass meinem Sohn diese Sprache aufgezwungen wurde, nur weil die noch auf ihren Lehrerstühlen sitzen."

Nicht nur in Dresden wurden Schüler zu Russisch verdonnert. An knapp dreißig Schulen in Sachsen hat das Los über die Fremdsprache entschieden. Schumachers klagten schließlich und bekamen vom Verwaltungsgericht recht, wie auch zwei andere Eltern. Seitdem darf Hannes nun doch Französisch lernen und schlägt sich gut.

Sein Mitschüler Lion Forner hatte auch Glück, ist aber das Hin und Her leid. Zwei Wochen nach Beginn der sechsten Klasse durfte er zwar wechseln, weil noch ein Platz frei wurde, doch in der Französisch-Gruppe wäre er der Einzige aus seiner Klasse gewesen. "Ich habe mich in den Russisch-Kurs eingelebt und verstehe mich mit der Lehrerin gut. Jetzt bleibe ich hier", sagt der Elfjährige. Auch wenn ihm Französisch eigentlich lieber gewesen wäre. Er hatte die Sprache schon vier Jahre lang in der Grundschule.

Lions Vater, Mike Forner, sagt: "Bei der Anmeldung für die fünfte Klasse muss man die zweite Fremdsprache angeben. Schon da wusste das Kultusministerium, dass es einen Mangel gibt. Aber es wurde nichts unternommen." Der Schulleiter Marcello Meschke sagt: "Ich habe die erste Möglichkeit wahrgenommen, die Eltern über die schwierige Situation in Kenntnis zu setzen." Auf dem Elternabend im Juni 2010. Das sei richtig, sagt Steffi Schumacher, die Mutter von Hannes. "Das Problem war nur, dass wir als Eltern zu diesem Zeitpunkt kein anderes Gymnasium mehr wählen konnten, da die Anmeldefristen schon abgelaufen waren." Alle Eltern gingen davon aus, dass sich eine Lösung finden würde. Man hätte mit einem Gymnasium im zehn Kilometer entfernten Radebeul, wo es an Französischschülern mangelte, kooperieren können oder die Französischlehrerin einstellen können, die sich anbot. Aber über so etwas entscheidet nicht der Schulleiter, sondern das Ministerium.

Der Vorsitzende des Elternrats des Brecht-Gymnasiums, Carsten Guse, hat Briefe an Kultusminister und Ministerpräsidenten geschrieben. Die Antworten halfen nicht weiter: Man sei sich des Problems bewusst und bedaure, aber "ein Rechtsanspruch auf Erteilung von Unterricht in einer bestimmten Fremdsprache besteht nicht". So entschied auch der Landtag. Nur Pflicht, keine Wahl. Da halfen auch die Berichte der Medien nichts. Es sei kein Geld für eine weitere Französischlehrerin da, sagt das Ministerium.

Fragt man Guse, wie es nun mit seinem Vertrauen in die Bildungspolitik bestellt sei, lacht er auf. "Man hat das Gefühl, Kinder sind unwichtig, Schule ist unwichtig. Es werden nur Gesetze ausgeführt." Und Mike Forner, der Vater von Lion, fürchtet, dass das "Bildungslotto des Kultusministers auch für andere Fächer zum Modell wird". Es werde versucht, die Wirklichkeit an den Plan anzupassen, um die Fehlplanung zu kaschieren.

Erschienen in der ZEIT vom 9. Februar 2012

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