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Warum die Online-Presse noch zu wenig Bedeutung hat

Dass Onlinezeitungen immer noch(!) weniger Bedeutung und Status als ihre Papierschwestern haben, sieht man gerade wieder einmal nach dem Tod von Whitney Houston.

Schaut man quer durch die Onlinepresse, so findet man eigentlich nur Agenturstücke oder Artikel von Online-Redakteuren, die ein bisschen was zusammengeschrieben haben - was keinen Mehrwert gegenüber einem guten Agenturstück bietet. Einzig auf Spiegel Online gibt es einen Nachruf auf Houston, der ein gutes Stück im Print am Montag überflüssig macht. Geschrieben wurde der Nachruf von Marc Pitzke - dem US-Korrespondenen von Spiegel Online (http://bit.ly/wumBV0). Mehr kann ein Nachruf kaum bieten. Und doch gibt es ein Problem und das hat damit zu tun, wie dieser Text rezipiert werden kann.

Als ich selbst den Text vor mir hatte, hatte ich keinerlei Lust ihn zu lesen. Nicht, weil mich das Thema nicht interessierte oder ich nicht lesen wollte, sondern, weil ich mich entspannen wollte. Erst Recht am Sonntag. Wenn ich in Ruhe lesen möchte, dann nicht am Computer, nicht nach vorne gebeugt, es strengt an, es stresst. "Mein Gott, wie lang der Artikel", dachte ich mir. Musste ich ihn lesen? Houston ist tot, die News kannte ich und am Montag würde ich in Ruhe in der SZ mehr erfahren, warum mich jetzt mit einem Online-Text stressen? Ich habe dann etwas probiert.

Den Artikel las ich zwar auf meinem Netbook, aber auf dem Sofa. Vom Gewicht und der Größe des Geräts her geht es gerade noch. Plötzlich war ich nicht mehr gestresst. Der Artikel war schnell gelesen und hätte auch noch länger sein können. Im Artikel schreibt der Autor über ein legendäres erstes Fernsehkonzert von Houston, ich habe es schnell auf Youtube gefunden. Beeindruckend (http://bit.ly/LpWWe).

Nun muss ich sagen, dass ich kein Tablet besitze und die zehnseitige Spiegel-PDF-Story, die ich noch lesen möchte, würde ich mir lieber ausdrucken, weil mein Netbook dann doch nicht so handlich ist. Bisher hielt ich Tablets für ziemlich überflüssig. Seit heute ist mir klar, dass durch sie der Online-Journalismus vielleicht genauso viel Bedeutung wie der Print-Journalismus gewinnen wird - eher mehr. Und der flächendeckende Besitz von Tablets könnte dazu führen, dass es bei der Tagespresse wirklich nur noch eine Redaktion für Print und Online gibt, wenn Print dann überhaupt noch produziert wird.

Das Problem des Online-Journalismus ist, dass die Mehrheit der Nutzer nur nebenbei liest - im Büro, in der Uni. Neben der Arbeit. Onlinezeitungen sind kein Zurücklehn-Medium. Sie taugen nur zur Ablenkung oder schnellen Information. Will man richtig in Ruhe lange längere Artikel lesen, stressen Online-Zeitungen. Das ist auch ein Grund, warum Online der Agenturjournalismus dominiert, warum der Leser vielleicht ein so gutes Stück, wie das vom Korrespondenten Pitzke über Houston, nicht genug wertschätzt. Oder anders: Warum es kaum Online eigene Korrespondententexte gibt. Warum Leser so viel Blödsinn und Kleinkram anklicken. Warum Online das Budget für Autorentexte gering (alle großen Marken) oder gar nicht vorhanden (faz.net, fr-online.de) ist.

Mit dem Tablet dürfte sich das ändern. Dafür müssen die Geräte aber günstig werden und die Mehrheit der Nutzer eins besitzen. Und hoffentlich hat sich bis dahin auch ein Bezahl-Verfahren oder Abo-Modell flächendeckend in der Online-Presse etabliert. Denn die iPad-Ausgaben, die Tablet-Ausgaben heißen sollten, weil sie nicht von Apple produziert werden, werden als kostenpflichtiges Modell dann nicht mehr funktionieren. Was für einen Sinn macht es denn, im Internet Tagesausgaben zu produzieren?

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Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
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Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

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