header_neu

Im Zug mit Jack

Am Abend vorher ist es ein Fluch. Wenn der Wecker klingelt sowieso. Und wenn es dann noch regnet, ist alles vorbei. Manchmal jedoch macht das frühe Aufstehen zwar keinen Spaß, aber die Ruhe, in der die Welt noch schlummert, ist angenehm.

Um 8 Uhr ist die Welt bereits zu wach. In der Bahn plappern dumme und oder unhöfliche Menschen, man drängelt sich auf den Sitzen. Früher am Morgen fängt es schon damit an, dass der Zug ein Schönerer ist. Einer von diesen Doppeldeckern, die lautlos durch die Nebel gleiten. Das Licht ist gedämpft. Nur sechs von vierzehn Lampen angeschaltet. Die Menschen halten ihren Mund. Draußen fließen silberne Wiesen vorbei. In meinen Händen ein Buch:

Als blinder Passagier reiste Jack London nach Chicago, anschließend nach New York und weiter zu den Niagara-Fällen. Der Vagabund wurde dort von der Polizei aufgegriffen und für dreißig Tage ins Gefängnis gesperrt. Das Leben als Tramp veränderte Jack London. Er erkannte, dass Menschen unschuldig zu den Ausgestoßenen einer Gesellschaft angehören konnten [...].

"Ich hatte meine Kindheitauf Farmen in Kalifornien verbracht, als Junge Zeitschriften auf den Straßen verkauft, als Jugendlicher fuhr ich auf Schiffen über die San Francisco Bay und den Pazifischen Ozean. Ich lebte das Leben unter freiem Himmel, ich arbeitete unter freiem Himmel, erlernte keinen Beruf, sondern wechselte von Job zu Job. Die Welt erschien mir als das Gute schlechthin. Ich möchte wiederholen: diesen Optimismus hatte ich, weil ich gesund und stark war, keine Schmerzen und Schwächen kannte und niemals von einem Arbeitgeber abgewiesen wurde, weil ich etwa nicht kräftig genug aussah. [...] Ich fand unter den Tramps alle Arten von Menschen, unter ihnen viele, die einmal so gesund und kräftig aussahen wie ich selbst. Es waren Seeleute, Soldaten, Arbeiter, alle entstellt und verunstaltet durch Schwerarbeit, Not und Unfälle. Von ihren Arbeitgebern waren sie weggejagt wie alte unbrauchbare Pferde." [...]

Seine Erfahrungen unter den amerikanischen Tramps zu verfolgten Jack London. Er, der sich als Schriftsteller zugleich journalistische Aufgaben stellte, ging 1902, verkleidet als abgerissener Seemann, in die Londoner Slums. Er wollte die Lage der sozial ausgestoßenen erkunden und fragte sich: Warum leben diese Menschen in Slums? Nicht aus Faulheit und nicht aus freier Wahl, das erkannte er. Die Gründe waren vielmehr Alter, Krankheit, Unfall, Verlust der Arbeitskraft, Geburt im Slum. Selbstmord, Trunksucht, Kriminalität ergeben sich in zwanghafter Folge. Jack London notierte sich: Warum muss eine Zivilisation, die immer mehr Waren produziert, zugleich das Elend vergrößern? Er forderte, eine Gesellschaft muss das Los des Durchschnittsbürgers verbessern, das heißt, das Profitmotiv kann nicht das oberste Prinzip des Zusammenlebens sein.
Cilia Sommer - 2008-10-10 01:15

"das Profitmotiv kann nicht das oberste Prinzip des Zusammenlebens sein."

Wieso wissen das alle, doch niemand hält sich dran?
(Weil es nur um Zahlen geht.)

Trackback URL:
http://jan.twoday.net/stories/5244222/modTrackback



Neuester Kommentar

Danke
Vielen Dank für diese Sätze: "Es sollte eine...
Johanna (Gast) - 2013-12-05 10:34
Gut analysiert. Nur bei...
Gut analysiert. Nur bei der politischen Ausrichtung...
7an - 2013-10-10 15:08
Kein Interesse
Nur eine kurze Anmerkung. Journalisten denken von ihrem...
Otto Hildebrandt (Gast) - 2013-10-10 14:08

Suche

 



arbeitsprozesse
das schreiben
der autor
der journalismus
digitale welt
diplomtagebuch
freie presse
fundsachen
gedanken
journalismus-studium
medienbeobachtungen
meinung
panorama
persönliches
poeten
reisenotizen
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren