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Kabul: Die Insel des Krieges

Kabul, (c) mknobil, flickr
Kinder in Kabul, Foto: mknobil, flickr

Jeder Mensch hat eine bestimmte Vorstellung von einer Stadt. Doch wie lebt es sich wirklich dort? Teil drei der Serie Vita Urbana.

Ein Gastbeitrag von Max Henninger

Nein. Mit den Metropolen dieser Welt kann sich Kabul nicht messen. Hier schreibt man gerade das Jahr 1387 – und dieses Jahr im islamischen Kalender passt zu der Stadt. Aber was will man auch von einer Stadt, einem Land, erwarten, das von zwanzig Jahren Krieg gezeichnet ist?

Kabul ist Staub, Hitze, Berge und Müll. Die Straßen sind Buckelpisten. Nur im Herzen der Stadt, der Shar-e nau (Neustadt), ist einem der Luxus betonierter Trottoirs gegönnt.

Kabul ist kein Wasser, kein Strom und keine Kanalisation. Manchmal stinkt es gewaltig zum Himmel. Smogcity. Im Sommer sieht man durch die gewaltige Abgaswand nicht einmal mehr die Berge, den atemberaubenden Hindukusch.

Kabul ist Militär, Konvois, Waffen. In aller Herrgottsfrüh brettern Kampfhubschrauber über die noch schlafende Stadt. Fenster zittern, vibrieren, bersten. Patrouillen rasen mit ihren gepanzerten Gefährten durch die Straßen. Man sieht keine Gesichter – nur Oakley-Sonnenbrillen, Helme und vermummte Fratzen.

Kabul ist Korruption. Nachts werden die Checkpoints zu Geldmaschinen. Polizisten sacken ein, was geht. Können sie auch, denn sie haben Kalashnikows. Und die meisten Politiker machen ja tagtäglich vor, wie es geht: Bakshish-Mentalität wohin das Auge blickt.

Kabul ist Fleisch. Schafe, Ziegen, Rinder werden auf der Straße geschlachtet. Das Blut fließt in die Abwassergräben. Mücken, Fliegen tummeln sich an diesen Plätzen. Butcherstreet: Überall hängt totes Tier. Kleine Herden von Ziegen und Schafen fressen sich durch den Müll der Stadt, bevor sie das Messer an ihrer Kehle fühlen.

Kabul ist verkrüppelt. Minenopfer, deformierte Kinder betteln auf der Straße in den Abgasen der Autos. Ohne Arme, Beine, Augen. Manchmal ohne Arme und Beine, die verdreckte Dose für das Geld mit dem Mund haltend. Oft sind die Kinder in Banden organisiert. Wer das falsche Terrain zum Betteln betritt, der spürt unmittelbar die Faust im Gesicht.

Kabul ist groß. Doppelt so groß wie Berlin ist dieser Moloch. Fast vier Millionen Menschen leben, hausen, verelenden hier. Auffanglager für Flüchtlinge, Heimatlose und Vertriebene – und doch kein Zuhause. Nomaden treiben ihre Kamele schnell durch die Stadt. Man sieht es ihnen an: Kein Platz zum Bleiben.

Kabul ist Gewalt. Schießereien, Morde, Blutrache. Tagesordnung. Schon die Kinder üben sich auf den Straßen im Kampf und erheben die Fäuste gegeneinander. Schusswunden und Blut. Improvisierte Verbände. Schock und Tod.

Kabul ist Burka. Blaue Säcke verdecken das Antlitz der Frauen. Billige Polyester-Ganzkörperschleier aus China importiert. Unverwechselbar der Geruch bei Hitze aus Schweiß und Plastik. Oft können sich vor allem die Witwen keine anderen Kleider leisten. Die Burka verdeckt das Elend – die Armut.

Kabul ist Märtyrer. Dumpfe Explosionen erschüttern die Stadt. Damit einher geht die Gewissheit, dass es wieder einen Märtyrer mehr im Himmel gibt. Was mit den Zivilisten geschieht, interessiert keine Seele.

Kabul ist Massud. Überall prangen Bilder des Warlords und ehemaligen Kommandeurs der Nordallianz. Für viele ist er ein Held. Und doch beging er wie andere Kriegsverbrechen. Bei einem Interview mit falschen Journalisten sprengten sich diese in die Luft und rissen ihn mit in den Tod. Ich traf seinen besten Freund, der bei dem Attentat in seiner Nähe stand. Sein Glasauge blickt etwas verdreht in eine andere Richtung. Seine Tränen waren echt.

Kabul ist Gastfreundschaft. Einladungen zum Tee und Essen sind an der Tagesordnung. Die Menschen freuen sich über das Interesse an ihnen und ihrem Land.

Kabul ist schön. Der Garten des Babur, Lake Karghar und andere Plätze spiegeln ein anderes Gesicht von Kabul. Entspannte Menschen genießen ihre Freizeit am See, singen und tanzen, essen und feiern. Keine Spur von Krieg und Gewalt – so könnte Afghanistan aussehen, so sollte es aussehen.

Kabul ist bunt. Vor allem bei Nacht. Aufwendige Lichtinstallationen verwandeln Taimani in Klein-Las-Vegas. Die Wedding Halls sind ausgebucht. Laute Musik durchflutet die umliegenden Straßen. Die Heirat ist ein Event. Und doch nicht immer fröhlich: Auch 14-jährige Kindsfrauen heiraten – ob sie wollen oder nicht.

Kabul ist schizophren. Nach außen gottesfürchtig, gläubig und streng. Doch hinter der Fassade speisen die Moslems bisweilen selbst im Ramadan – Alkohol und Drogen lassen sie dabei nicht außen vor.

Kabul ist eine Insel. Drei militärische Sicherheitsringe umgeben die Stadt. Reinkommen ist trotzdem nicht schwer. Ein Eiland im Kriegsgebiet. Und doch sieht es hinter den militärischen Sperrzonen, im Outback, ganz anders aus. Für die Menschen in der Provinz ist Kabul ein Sündenpfuhl. Und irgendwie haben sie nicht unrecht damit, denn: Kabul ist nicht Afghanistan.


Max Henninger arbeitet seit gut einem Jahr für den Deutschen Entwicklungsdienst in der Öffentlichkeitsarbeit in Kabul. Über seine Erlebnisse berichtet er in seinem Blog und auf flickr.
pcf - 2008-05-25 23:16

beeindruckend
mrpink - 2008-06-12 15:24

krass

echt guter Text.

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Gut analysiert. Nur bei...
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