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Der andere Weg

Von Jan Söfjer

Ich weiß immer noch nicht, warum ich ja gesagt habe, aber jetzt bin ich auf dem Weg. Ich schreite die Straße hinunter, sie ist leer und die Dunkelheit lässt die Wege jungfräulich erscheinen, als hätte sie noch kein Mensch beschritten und als wollte sie auch niemand beschreiten. Ich bleibe stehen und betrachte das trübe Licht der Straßenlaterne wie einen Mond. Es ist mein Mond, ein Mond für Menschen, bei denen es für einen echten nicht gereicht hat. Ich schließe die Augen und glaube, das Summen der Drähte unter der Plastikschale zu hören. Die Spannung vibriert in ihnen. Selbst dieser künstliche Mond hat mehr, als ich je haben werde. Warum habe ich ja gesagt?

Du sitzt neben mir in meinem Opel Kadett und ich frage, willst du mal riechen? Du willst und berührst mit deinen Lippen fast meinen Hals. Ich nutze es aus. Damals, es muss zehn Jahre her sein, damals habe ich ja gesagt. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht war, ich weiß nur, dass ich nichts anderes sagen konnte.

Du hast mir geschrieben. Du bist in Deutschland. Ich solle dich besuchen kommen. Ich sagte ja. Doch mit jedem Schritt, den ich mache, wird mir das Gewicht dieser Entscheidung bewusster. Was soll ich dir geben?

Ich habe den Weg durch den Park gewählt und jetzt stehe ich vor der Bank vor dem Mausoleum und vor dem großen Baum, der seine Äste ganz weit oben wie ein Sonnenzepter von sich streckt. Im Sommer, wenn das Gras hier einen halben Meter hoch ist, schwirren schwarze dicke Käfer um den Baum wie um eine Göttin. Und rechts wacht ein Engel über die Toten. Ich nehme Platz, es ist mein liebster Platz, ich glaube, ich könnte hier ein halbes Leben einfach nur sitzen. Es ist genauso viel Frieden hier wie in den Sommerwäldern meiner Kindheit. Vielleicht kann man sich diesen Platz für seine Bestattung reservieren lassen, aber ich glaube nicht. Es hat keinen Sinn, ich muss weiter. Man wird nicht auf mich warten.

Ich passiere die Clubs, in denen ich so viele Nächte meine Einsamkeit ausgegossen habe, doch ich möchte sie nicht missen. Nirgendwo ist die Einsamkeit ehrlicher als unter fröhlichen Menschen.

Du tanzt und deine schwarzen Haare kleben dir im Gesicht. Deine Dunkelheit hat mich sofort eingefangen. Du warst betrunken und deine Lippe hatte beim Tanzen etwas abbekommen. Ich sagte, das wird schon, vielleicht kann ich es lindern. Ich glaube, ich konnte. Doch es waren nur diese Momente. Um sie herum versank alles ins Gewöhnliche. Es war immer so gewesen. Nur ein paar Momente, der Rest war Illusion. Ich redete mir manchmal ein bisschen was ein, aber, wenn ich ehrlich bin, wusste ich immer von Anfang an, dass da nicht mehr war und niemals mehr sein würde. Ich sagte trotzdem ja.

Du hast mir geschrieben. Du bist im Land. Nur ein paar Tage. Ob ich nicht kommen möchte? Wir kennen uns gar nicht wirklich, sind nur übereinander gestolpert in den engen Drähten des Netzes und doch hast du mir all diese Zeilen, all diese Briefe geschrieben und mir geschmeichelt. Am Anfang lag über allem die Heiterkeit des Augenblickes, wir scherzten und warfen die Worte einander unbekümmert zu. Bald wurden deine Worte ängstlicher. Auf einmal lag eine Hoffnung in ihnen. Aber wie soll ich mit meiner Leere deine Hoffnung auffangen, du würdest sie doch nur in mir verlieren, sie verspielen. Ich hatte es schon zu oft erlebt. Nur einmal war alles anders.

Du bestelltest Apfelsaft bei mir. Ich war verwirrt und gab dir zuviel raus. Du hast es mir zurückgegeben und der kurze Augenblick, in dem meine Münzen in deiner kleinen Hand lagen, hatte gereicht, um meine Leere zu vertreiben. Und dann hast du gewartet, alleine, den ganzen Abend. Mein Mund wollte sprechen, aber er konnte nicht. Und dann musste ich nach hinten, mir eine Belehrung abholen, weil ich die Aschenbecher im falschen Winkel über der Mülltonne ausgekippt hatte oder so und als ich zurückkam warst du fort. Ich wartete jeden Tag auf dich, aber du kamst nicht mehr und ich sollte dich nie wieder sehen.

Er zieht seine Kreise wie ein Eiskunstläufer über den Boden. Aber da ist gar kein Eis, da sind nur schmutzige Bahnhofskacheln, die der Mann mit seinem Gefährt reinigt. Der Zeiger der großen Uhr springt auf die Zwölf, beide Zeiger sind jetzt auf der Zwölf. Ein neuer Tag beginnt. In wenigen Minuten fährt mein Zug. Es ist der letzte diese Nacht. Ich weiß gar nicht, warum ich so spät fahre, aber es scheint mir angemessen.

Ich steige die Stufen zum Gleis hinunter, die Treppen schwingen leicht unter meinen Schritten, aber beschwingt gehe ich wirklich nicht. Da steht schon der Zug mit seinen zischenden Türen. Die Münder eines mechanischen Drachen.

Dann quetscht sich eine Stimme aus den Lautsprechern. Man wolle abfahren. Die Türen schlucken zum letzten Mal. Das Ungetüm setzt sich in Bewegung. Die Landschaft gleitet vorbei wie ein alter müder Fluss. Aber es ist nur eine Illusion, die sich da in den Fenstern spiegelt und von Illusionen habe ich genug, sage ich mir, immer noch auf dem Bahnsteig stehend.



© Jan Söfjer, 2008

Die Geschichte - inklusive dieses Anhanges - darf und soll privat weiterverbreitet werden. Eine kommerzielle Nutzung ist untersagt bzw. darf nur nach Absprache erfolgen. Rückfragen an: soefjer Klammeraffe gmx Punkt de

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