Die Kleinholz-Kompanie

In Darmstadt wurde eine Schule für Traditionelles Taekwondo eröffnet. Zu Gast: der Altmeister Kwon Jae-Hwa persönlich. Eine Reportage.
Dieser Mann braucht keinen schwarzen Gurt um Eindruck zu machen. Er muss noch nicht einmal einen Flusskiesel zerschlagen – wie es sonst gerne macht. Es reicht, wie dieser kleine, drahtige Koreaner da steht. Die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Augen eng zusammengekniffen und die Unterlippe nach vorne geschoben. Der 70-Jährige heißt Kwon Jae-Hwa und ist für das Traditionelle Taekwondo das, was Meister Yoda für die Jedis ist.
An diesem frühlingshaften Februartag ist Großmeister Kwon zu Gast in Darmstadt und weiht eine weitere Schule ein. Über 60 gibt es mittlerweile in ganz Deutschland, und damit ist die Bundesrepublik das Land Nummer eins des Traditionellen Taekwondos. Nur in den USA, in Griechenland und Zypern gibt es ein paar weitere Ableger.
Die Summe der Schulgründungen ist eine beachtliche Leistung, wenn man bedenkt, dass diese Form des Taekwondos zu keinem der beiden großen Verbände (Word Taekwondo Federation und International Taekwondo Federation) gehört.
Allerdings hat Kwon Jae-Hwa bei General Choi Hong-Hi, dem bedeutendsten Begründer des Taekwondos, persönlich gelernt. Dieser verkrachte sich dann in den 60ern mit anderen Meistern und gründete das ITF, während Kwon sich sowohl von Chois neuem Verband als auch vom mittlerweile olympischen WTF-Verband distanzierte.
Nun also eine Schule in Darmstadt. Stadtteil Bessungen. Ein wenig urig ist es hier. Die Häuser stehen so eng beisammen, dass man über die Straße gespannte Wäscheleinen vermisst. Der Weg führt in einen Hinterhof. Viele Autokennzeichen von weiter her. Wenn der Großmeister ruft, kommen sie alle.
Drinnen beeindruckt zuallererst das Kuchenbuffet. So viele Köstlichkeiten gibt es bei kaum einer Grundschulfeier. Doch die Leute denken nicht ans Essen. Sie warten auf Action. Und die soll es geben. Doch leider nicht für alle. Es ist so voll, dass es schwer ist, einen guten Platz zu bekommen. Außerdem ist da noch die Wand, die Vorraum und Trainingshalle trennt. Lediglich mehrere fenstergroße Öffnungen erlauben einen Blick auf die Kampfkünstler. Von denen gibt es dann auch reichlich – weit über 100 und fast nur Schwarzgurtträger.

Kampfschreie. Es geht los. Doch was ist das? Alle hüpfen und rudern mit den Fäusten. Das Känguru lässt grüßen. Und das Känguru ist beliebt. Minuten geht das so. Die Zuschauer treten sich auf die Füße. Kreischende Drehzahlen von nebenan. Die lieben Kleinen spielen mit einem Laufband.
Endlich tut sich etwas. Die Kämpfer weichen zurück. Ein paar bleiben: Freikampf. Die Stunde der Ferse. Immer nur die Ferse. Hinten rum gedreht, haarscharf am Kopf des Gegners vorbei. Zum Glück beherrschen die das auch in Zeitlupe.
Dann knallt es doch noch. Bruchtests. Es sollen viele diesen Abend werden. Vielleicht 150. Ernsthaft geschätzt. Ein paar Ziegelsteine sind auch dabei. Die werden schon Mal einem Halter zwischen den Händen zerschlagen – mit der Faust.
Auch ansonsten sind die Sportler mit Stoppelfrisur nicht zimperlich. Ein Bruchtest wird so oft wiederholt bis er eben klappt. Nicht jeder wird morgen noch seine Hand richtig bewegen können. Kaum ein Brett ist dünner als drei Zentimeter, manche schlagen gleich zwei oder drei auf einmal durch – in quasi jeder möglichen Art und Weise. Beliebt ist es, sein Bein im Spagat stehend festzuhalten und dann die Ferse auf das Brett krachen zu lassen. Auch gesprungene Spinkicks gibt es viele – die Augen teilweise verbunden.
Vorne bellt Meister Kwon heiser Kommandos. Mit seinem Bulldogen-Gesicht schlendert er wie ein alter General von links nach rechts und wippt nickend mit dem Kopf. Die Compagnie spurt.

Die Zuschauer sind zimperlicher. Bevor die Show nach rund drei Stunden vorbei ist, wird ein Großteil verschwunden sein. Es wundert nicht: Nach einer halben Stunde hat man alles gesehen. Der Rest ist Wiederholung. Es liegt daran, dass unzählige Gastvereine angereist sind und alle ihr Programm zeigen möchten. Besonders kreativ dürfen sie wohl nicht sein. Auf Bruchtest folgt Sparringskampf folgt Bruchtest. Pausen gibt es nicht. Der schöne Kuchen.
Kwon Jae-Hwa wirbt damit, die Kunst und die Tradition hochzuhalten. Er kritisiert die Degradierung des Taekwondos zum Wettkampfsport. In seinem Buch „Zen-Kunst der Selbstverteidigung“ mahnt er, das Geistige nicht zu vergessen.
Das klingt nach einem ganzheitlichen System. Es klingt nicht nur nach Härte, sondern auch nach Sanftheit, nicht nur nach Bruchtest, sondern auch nach innerer Einkehr und Philosophie. Sollte dieses so sein, so wurde es den Zuschauern vorenthalten. Das Taekwondo, das in Darmstadt präsentiert wurde, ist ein militärisches, hart und sperrig. Reduziert auf das Nötigste und äußerst Effektiv im Kampf, der dort immer ohne Kontakt ist. Das Versprechen nach mehr als martialischer Technik wurde jedoch nicht erfüllt.
Siehe auch:
7an - 2008-02-25 00:13






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