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Montag, 7. April 2008

Milano, mein Milano

Copyrights: Amodiovalerio Verde
Foto: Amodiovalerio Verde

Jeder Mensch hat eine bestimmte Vorstellung von einer Stadt. Doch wie lebt es sich wirklich dort? Zum Auftakt einer Serie eine Betrachtung über das Leben in Mailand.

Ein Gastbeitrag von Barbara Cunietti

Endlich bin ich wieder zu Hause. Abgetrennt von dieser entseelten Stadt. Geschützt, umarmt von geliebten Dingen, die mir gehören, weil mir in dieser Stadt nichts gehört, und ich gehöre ihr nicht. Die graustechende Luft schleicht sich in mich ein und ich fühle die Krankheit dieses Ortes.

Ein Ort der Verfremdung, wo die Kultur entfremdet wird, weil nur die Banken, die Firmen und die Mode etwas bedeuten. Das Aussehen beherrscht souverän den Geist der unzähligen Spießbürger - wenn man denn glaubt, dass sie einen Geist besitzen.

Ich frage mich, ob ich mich irgendwann in dieser Stadt eingliedern könnte. Aber ich fürchte diese Eingliederung. Ich will nicht, dass meine Gefühle durch den lockeren Takt und den unendlichen Lärm abgestumpft werden. Schon wundere ich mich, wenn ich rasant auf die Straße gehe und mich ärgere, wenn jemand meinen Schritt verlangsamt. Wohin renne ich? Es gibt keine Eile. In diesen Fällen fühle ich mich von dem Rhythmus des Lebens in Milano angesteckt.

Und der Lärm! Milano schweigt nie, sie schreit, klirrt, hupt, bellt, aber niemals kann man die Stille genießen. Die Stadt kann nicht schweigen, es gibt zu viele Leute hier und sie plaudern und plaudern und plaudern, immer mit dem Handy am Ohr, auch so früh am Vormittag. Dann möchte ich verschwinden und auf einen Berg fliehen - oder diese Leute erschlagen.

Dieser Wirrwarr widert mich an und plötzlich verstehe ich, wohin ich laufe. Ich will so bald wie möglich meinen Ort der Linderung erreichen: Meine geliebte Universität. Dort finde ich Menschen - nicht leere Behälter. Menschen, die notwendig für mich sind. Weil es ohne Freunde unmöglich ist, Milano zu überleben.

Daran denkend betrachte ich die Dämmerung aus dem Fenster. Ein Schachbrett von Dächern und vergilbte Autos, die ordentlich in Reihen wie Soldaten geparkt sind und nur darauf warten, am nächsten Tag in die Staus zu rutschen.

Die barmherzige Nacht wickelt die Stadt ein, Ruhe schenkend. Der geschändete Himmel nimmt Abschied von seinen Henkern. Bis zum nächsten Tag. Ein verzaubertes Tuch verwandelt die Stadt, die mit der Nacht bekleidet, ihr schöneres Antlitz für eine ungenügende Handvoll an Stunden offenbart.


Barbara Cunietti studiert Germanistik in Mailand.


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